{"id":1456,"date":"2015-12-24T18:25:01","date_gmt":"2015-12-24T17:25:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.segunda-feira.de\/?p=1456"},"modified":"2015-12-24T18:47:19","modified_gmt":"2015-12-24T17:47:19","slug":"bruna-ein-gastbeitrag-von-sylvia","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.segunda-feira.de\/?p=1456","title":{"rendered":"Bruna &#8211; ein Gastbeitrag von Sylvia"},"content":{"rendered":"<p>\u201cA Senhora vai pagar isto para mim?\u201d \u2013 Ich stehe im Carrefour vor der Kasse, sortiere mich selbst und will mich gerade mit einem prall gef\u00fcllten Einkaufswagen an einer vielversprechend kurzen Warteschlange anstellen. Es ist einer dieser riesigen Carrefours, die es scheinbar auf dem halben Erdball gibt und den wohl die meisten von uns in einem Frankreichurlaub irgendwann einmal kennengelernt haben. Die Regale sind schier endlos lang und hoch und es gibt so ziemlich alles, was man f\u00fcr den Alltag braucht oder auch nicht braucht. \u201cA Senhora vai pagar isto para mim?\u201d &#8211; Ich stehe auf der Leitung und erblicke mit einem vermutlich selten d\u00e4mlichen Gesichtsausdruck ein sehr h\u00fcbsches M\u00e4dchen mit langen schwarzen, zu einem Pferdeschwanz gebundenen Haaren, das mich mit gro\u00dfen dunkelbraunen Augen gleichzeitig sch\u00fcchtern und erwartungsvoll anschaut. Doch da ist noch mehr. Da ist Scheu und Scham. Da ist Traurigkeit und Hoffnung. Da ist Verantwortung und Last. Und irgendwo hinter all dem ist da noch das Kind, das es sicher schon lang nicht mehr sein durfte. Jetzt erst dringen Sinn und Absicht ihrer Worte zu mir durch \u201eWird die Senhora das hier f\u00fcr mich bezahlen?\u201c In ihren Armen stapelt sie drei Teile, die sie einkaufen m\u00f6chte und die sie offensichtlich nicht bezahlen kann: eine wei\u00dfe Styroporschale mit Bratw\u00fcrsten in Zellophan verpackt, ein paar sehr einfache blaue Havaianas (Flip-Flops &#8211; die billigsten) und ein tiefgefrorenes H\u00e4hnchen. Letzteres sieht gedr\u00fcckt an ihrem kleinen K\u00f6rper riesig aus. Sie regt sich nicht vom Fleck, atmet kaum. In Sekundenbruchteilen geht mir wieder einmal alles durch den Kopf was ich \u00fcber bettelnde Kinder gelernt habe. Man darf ihnen nichts geben, weil sie das dann als Best\u00e4tigung sehen, \u2026 weil ihre Eltern sie dann weiter zum erbetteln des Lebensunterhaltes missbrauchen, \u2026 weil sie dann der Schule noch weniger Aufmerksamkeit schenken und sie ihr noch so junges Leben verwirken, \u2026 weil \u2026. \u201eIn Ordnung, leg deine Sachen hier zu meinen aufs Band.\u201c Ihr \u201eDanke\u201c ist leise, ihr Blick wandert zum Boden. Ich sp\u00fcre, wie sehr sie sich wegw\u00fcnscht aus dieser Situation, wie gro\u00df ihre Scham ist. Ich f\u00fchle mich hilflos und denke: Wenn ich ihr schon nicht wirklich helfen kann, dann will ich sie wenigstens aus dieser unw\u00fcrdigen Situation befreien. Richtig oder falsch? Wer sind wir, das beurteilen zu k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Sie hei\u00dft Bruna und ist zw\u00f6lf Jahre alt. Sie hat sechs Geschwister. Der \u00e4lteste Bruder ist 22, der j\u00fcngste ist 6 Jahre alt. Sie fragt h\u00f6flich, ob sie mir helfen kann, meine Sachen aufs Band zu legen. Ich bejahe und sie ist erleichtert, etwas zur\u00fcckgeben zu k\u00f6nnen. Als der Einkaufswagen geleert ist, hilft sie auf der anderen Seite der Kasse Karsten, die Waren in die gro\u00dfe Einkaufskiste zu verstauen. Ein kleiner h\u00fcbscher Junge, ihr sechsj\u00e4hriger Bruder, gesellt sich zu ihr. Er hat dieselben gro\u00dfen dunklen traurigen Augen und kurze schwarze krause Haare. Auch er hat eine sp\u00e4rlich gef\u00fcllte Carrefour-Einkaufst\u00fcte in der Hand. Offensichtlich haben sich die Geschwister aus strategischen Gr\u00fcnden vor der Kasse getrennt. Ihr Einkaufsgut fischt sie aus unseren vielen Sachen heraus und steckt sie in eine Einkaufst\u00fcte. Ungeschickt lege ich noch zwei KitKat drauf, die ich gerade noch aus einem Pappkarton neben der Kasse angeln kann. Ich bin froh, dass sie sich nach einem weiteren sch\u00fcchternen \u201eDanke\u201c dann schnell verabschiedet und nicht mehr sieht, wie ich die 1.000 Reais (rund 250 Euro) f\u00fcr unseren Mega-Einkauf auf die Theke bl\u00e4ttere. Irgendwie sch\u00e4me ich mich pl\u00f6tzlich f\u00fcr meinen \u201eReichtum\u201c.<\/p>\n<p>Kaum haben wir den Laden verlassen, kann ich meine Tr\u00e4nen nicht mehr z\u00fcgeln. Was mich so ber\u00fchrt, ist nicht einmal das Betteln an sich. Was mich so trifft ist viel mehr die Scham der Kleinen, die Pein. Sie wollte nicht betteln, das sah man sehr deutlich. Sie hatte aber offensichtlich keine Wahl. Vielleicht wurde sie geschickt von den Eltern, vielleicht wurde sie von ihnen allein gelassen. Wer wei\u00df das schon. Die Metafrage f\u00fcr mich ist vielmehr, warum war ausgerechnet sie in einer solchen Situation? Was kann sie daf\u00fcr, dass sie in einem sozialen Brennpunkt der Vorst\u00e4dte Brasilias und nicht ein paar Kilometer weiter in einer der reichen Familien am Lago Sul geboren wurde?<\/p>\n<p>In diesem Moment wurde sie f\u00fcr mich zur Stellvertreterin f\u00fcr die vielen Menschen hier, die mit ganz wenig auskommen m\u00fcssen oder gar in Armut leben &#8211; in Kirschkernweitspuckdistanz zu der reichen Oberschicht und zum Teil auch sehr eng mit ihr verwoben. Die soziale Ungleichheit trifft hier mit voller Wucht aufeinander. Wenn ich morgens mit dem Auto aus unserem Condom\u00ednio zur Arbeit fahre, wie viele meiner Nachbarn, kommen mir zu Fu\u00df die Reinigungshilfen und G\u00e4rtner entgegen, Tagesangestellte die jegliches Einkommen verlieren, sobald sie krank werden. An den Ampeln verkaufen junge M\u00e4nner Putzt\u00fccher, M\u00fcllt\u00fcten, Kaugummis oder Wasserflaschen, um sich von dem bisschen Gewinn zu ern\u00e4hren. Auf den Parkpl\u00e4tzen arbeiten sie als \u201eEinweiser\u201c und waschen f\u00fcr ein paar Reais die Autos der \u201eReichen\u201c. Auf den breiten Gr\u00fcnstreifen der Autostadt Brasilia, an denen tagt\u00e4glich tausende Neuwagen und manchmal echte Luxuskarren langbrettern, leben Familien mit kleinen Kindern in Plastikplanen-Barracken. Die Kleinen und Kleinsten spielen am Lagerfeuer, keine 10 Meter entfernt von der 6 Spurigen Fahrbahn, das ist ihr Zuhause.<\/p>\n<p>Warum ausgerechnet sie? Warum nicht ich oder du, die wir doch nur genauso zuf\u00e4llig in einem der reichsten L\u00e4nder dieser Erde geboren wurden. In einem Land, das \u2013 verglichen mit dem Rest der Welt \u2013 dem Ideal der sozialen Gerechtigkeit schon ziemlich nah kommt. In dem seit 70 Jahren kein Krieg mehr ausgetragen wurde. Mit einem Bildungssystem, das auch Kindern aus Arbeiterfamilien wie mir und vielen anderen einen Hochschulabschluss und ein Leben in Wohlstand erm\u00f6glicht.<\/p>\n<p>2013 lebten in Brasilien 52 Millionen Menschen ohne Ern\u00e4hrungssicherheit. Das entspricht zwei Drittel der Deutschen Bev\u00f6lkerung. Von ihnen wissen 34,5 Millionen Menschen heute nicht, ob sie sich und ihre Familien morgen, \u00fcbermorgen oder n\u00e4chste Woche noch ausreichend ern\u00e4hren k\u00f6nnen. Die anderen 17,5 Millionen Brasilianerinnen und Brasilianer \u2013 inklusive Kinder \u2013 verf\u00fcgen de facto nicht \u00fcber ausreichende Nahrung oder leiden unter chronischem Hunger (Quelle: <a href=\"http:\/\/www.ibge.gov.br\/home\/presidencia\/noticias\/imprensa\/ppts\/00000020112412112014243818986695.pdf\" target=\"_blank\">PNAD 2013<\/a>). So viele Menschen leben in Nordrhein-Westfalen.<\/p>\n<p>Nun werden wir das Problem hier und heute nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen, das ist richtig. Was wir aber tun k\u00f6nnen ist ein kleines bisschen von dem abgeben, was wir haben. Betr\u00e4ge, die uns nichtig erscheinen, k\u00f6nnen anderswo \u201eden Unterschied\u201c machen. Schon 5 Euro bedeuten Impfungen, Lernmaterialien, Nahrung. Es gibt unz\u00e4hlige gute Hilfsorganisationen in Deutschland, die daf\u00fcr sorgen, dass Geld da ankommt, wo es gebraucht wird. Das kann ein Waisenhaus in Brasilien sein oder auch der Kindergarten um die Ecke. Bei den gr\u00f6\u00dferen Organisationen gelingt Spenden mit wenigen Klicks in 5 Minuten, wie z.B. bei <a href=\"https:\/\/www.aerzte-ohne-grenzen.de\/\" target=\"_blank\">\u00c4rtze ohne Grenzen e.V.<\/a> oder <a href=\"http:\/\/www.childfund.de\/de\/start.html\" target=\"_blank\">ChildFund Deutschland<\/a>. Kleineren Projekten, wie beispielsweise der <a href=\"http:\/\/www.suchthilfe-aachen.de\/feuervogel.php\" target=\"_blank\">Initiative Feuervogel<\/a> in Aachen f\u00fcr Kinder suchtkranker Eltern, kann man mit einer Bank\u00fcberweisung Spenden zukommen lassen. Es klingt so abgedroschen, aber jeder Euro z\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Wer sich genauer erkundigen m\u00f6chte, ob sein Geld auch gut angelegt wird, der kann einen Blick auf die Seite des Deutschen Zentralinstituts f\u00fcr soziale Fragen werfen. Unter folgendem <a href=\"http:\/\/www.dzi.de\/spenderberatung\/das-spenden-siegel\/liste-aller-spenden-siegel-organisationen-a-z\/\" target=\"_blank\">Link<\/a> gibt es einer Liste mit zertifizierten Organisationen.<\/p>\n<p>Und wer von euch an dieser Stelle einen Spenden-Tipp loswerden m\u00f6chte, sei dazu herzlich eingeladen. Oder schreibt einfach, wo ihr dieses Jahr gespendet habt.<\/p>\n<p>Sch\u00f6ne Tage und frohe Weihnachten w\u00fcnscht euch<\/p>\n<p>Sylvia!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201cA Senhora vai pagar isto para mim?\u201d \u2013 Ich stehe im Carrefour vor der Kasse, sortiere mich selbst und will mich gerade mit einem prall gef\u00fcllten Einkaufswagen an einer vielversprechend kurzen Warteschlange anstellen. 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