{"id":2248,"date":"2017-09-15T00:26:10","date_gmt":"2017-09-14T22:26:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.segunda-feira.de\/?p=2248"},"modified":"2019-06-23T13:47:02","modified_gmt":"2019-06-23T11:47:02","slug":"barhopping-in-sao-sebastiao","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.segunda-feira.de\/?p=2248","title":{"rendered":"Barhopping in S\u00e3o Sebasti\u00e3o"},"content":{"rendered":"<p>Gegen 19.30 Uhr breche ich mit dem Wagen auf, um Pritt im Santa Fe abzuholen. Gemeinsam wollen wir meinen Freund Hamilton treffen, den ich vom Schwimmen kenne. Ich fahre die Avenida do Sol, die Sonnenallee, entlang. Rechts und links der Stra\u00dfe reiht sich ein Condom\u00ednio an das n\u00e4chste. Hinter den mit Stacheldraht gespickten hohen Mauern der Gated Communities leben fast ausschlie\u00dflich wei\u00dfe und hellh\u00e4utige Brasilianer. Sie haben ihre Kindheit auf teuren Privatschulen verbracht, studiert und arbeiten als leitende Angestellte in Unternehmen und Regierungsorganisationen der Hauptstadt. Dunkelh\u00e4utige Menschen sieht man dort vorwiegend zu Fu\u00df unterwegs, auf dem Weg zu und von den H\u00e4usern, in denen sie ohne geregeltes Arbeitsverh\u00e4ltnis putzen, den Garten pflegen, die Kinder wei\u00dfer Familien h\u00fcten oder auf Baustellen arbeiten.<\/p>\n<p>Nach zehn Minuten Fahrt \u00fcber unz\u00e4hlige Bremsschwellen erreiche ich die Hauptstra\u00dfe am Jardim Bot\u00e2nico, eine lokale Shoppingmeile, wo die Bewohner der Condom\u00ednios ihre Eink\u00e4ufe t\u00e4tigen. Das Santa Fe, eine Bar mit dem Charme von Lokalit\u00e4ten, die man in Deutschland in Shopping Centern antrifft, befindet sich auch dort. Die Hochglanzkneipe besticht durch sterile Atmosph\u00e4re, Bedienstete in uniformer Kleidung und Live-Musik gespielt von professionellen Coverbands. Hier kann man an gut besuchten Abenden frisch rasierte 50-j\u00e4hrige Familienv\u00e4ter in pinken Polohemden zur Musik von Pink Floyd abrocken sehen.<\/p>\n<p>Pritt wartet schon auf mich und raucht eine Zigarette. Ich kenne ihn \u00fcber Sylvia. Er ist sieben Jahre j\u00fcnger als ich und arbeitet freiberuflich f\u00fcr die Gesellschaft f\u00fcr Internationale Zusammenarbeit, allerdings in Uganda. Er wohnt in Bras\u00edlia, weil seine Frau wie Sylvia f\u00fcr die GIZ in Brasilien arbeitet. Hin und wieder fliegt er nach Afrika und trifft sich mit seinen Auftraggebern, um \u00fcber Shitflow-Management, seinem Beratungsgebiet, zu sprechen. Ja, genau, Pritt macht in Schei\u00dfe. Besser gesagt, in deren Entsorgung und Aufbereitung. Studiert hat er in Deutschland. Sein Studium hat er sich als Koch in einem indischen Restaurant finanziert.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend wir vor dem Santa Fe stehen und Pritt seine Zigarette raucht, tritt ein vollkommen betrunkener Gast der Kneipe auf mich zu und beginnt, mich ohne Anlass \u00fcber sein Auto vollzulabern. Ich glaube, er will es mir verkaufen. Dabei legt er seine Hand an meinen Hinterkopf und zieht mich zu sich heran, bis unsere K\u00f6pfe sich ber\u00fchren. Ich blicke Pritt hilfesuchend an. Er dr\u00fcckt seine halbfertige Zigarette aus und sagt: \u201eLet\u2018s go.\u201c Im Auto erg\u00e4nzt er in seinem typisch indischen Akzent: \u201eSaturday night. People get drunk.\u201c<\/p>\n<p>Wir fahren die sechsspurige Hauptstra\u00dfe hinunter nach S\u00e3o Sebasti\u00e3o, eine der Satellitenst\u00e4dte Bras\u00edlias. Vor uns breitet sich ein Meer an Stra\u00dfenlichtern aus, das fast bis zum Horizont reicht. Kaum zu glauben, dass der Ort vor 25 Jahren noch ein kleines Dorf war. Unverputzte, maximal zweist\u00f6ckige H\u00e4user s\u00e4umen die breite Stra\u00dfe, die uns zum Zentrum der Stadt f\u00fchrt. Wir passieren dieses und biegen stadtausw\u00e4rts rechts ab, um in eine der \u201eCommunidades\u201c \u2013 ein besseres Wort f\u00fcr Favela \u2013 der Stadt zu fahren, wo Hamilton wohnt. Pritt wollte mich unbedingt begleiten, als ich davon erz\u00e4hlte, dass ich mit Hamilton eine Kneipentour durch das \u201eechte\u201c Brasilien machen wollte. Doch als ich wiederum abbiege, um in ein dunkles, wenig beleuchtetes Viertel mit staubigen und buckeligen Erdstra\u00dfen zu fahren, wird er auff\u00e4llig ruhig und muss schlucken. Er kennt Slums aus seiner Heimatstadt Mumbai, die er noch immer Bombay nennt, und kann sich ebenso wie ich kaum von dem Klischee befreien, dass diese Orte f\u00fcr augenscheinlich gutbetuchte Menschen wie uns gef\u00e4hrlich sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Immer tiefer fahren wir in die Favela hinein. Rechts und links der mit M\u00fcllbeuteln ges\u00e4umten Stra\u00dfe sind hin und wieder dunkel- bis schwarzh\u00e4utige Bewohner zu Fu\u00df oder mit dem Fahrrad unterwegs und schielen auf das Nummernschild unseres Autos. Ich habe Sylvias Wagen mit dem blauen Diplomatenkennzeichen genommen, weil meiner in Reparatur ist. Dann biegen wir nochmals in eine Seitenstra\u00dfe ab. M\u00fcll stapelt sich auf dem unebenen Weg. Auch in der Favela sind die einzelnen H\u00e4user hinter hohen Mauern und blickdichten eisernen Toren verborgen. Da die Grundst\u00fccke nicht besonders gro\u00df sind, sind die Mauern auf beiden Seiten der Stra\u00dfe durchgehend. Die Favela ist auf dem Land einer ehemaligen Fazenda erbaut worden, das nie offiziell als Bauland ausgeschrieben wurde. Es gibt zwar vereinzelt Stra\u00dfenlaternen, doch die Bewohner zapfen die Elektrizit\u00e4tsversorgung ihrer H\u00e4user illegal ab. Wasser kommt aus lokalen Brunnen, Trinkwasser m\u00fcssen die Bewohner in Gesch\u00e4ften kaufen.<\/p>\n<p>Wir halten vor einem der Eisentore und steigen aus. Hamilton hat die in dem Tor eingelassene T\u00fcr bereits ge\u00f6ffnet, so dass wir eintreten k\u00f6nnen. Er ist allein zu Haus und empf\u00e4ngt uns in seiner stets gut gelaunten Art. Seine Frau und seine 18-j\u00e4hrige Tochter sind auf einem Familienfest. Hamilton ist vier Jahre j\u00fcnger als ich und arbeitet bei den \u00f6ffentlichen Verkehrsbetrieben, wo er 2.000 Real im Monat verdient, umgerechnet ca. 600 Euro. Er sagt, die Leute, die in den Condom\u00ednios als G\u00e4rtner oder Putzhilfe arbeiten, verdienen mehr als er, haben aber keine soziale Absicherung. Fr\u00fcher hat er als Moto-Boy Pizzas ausgeliefert und als LKW-Fahrer gearbeitet. Seine Karriere bei den Verkehrsbetrieben begann als Schaffner im Bus. Derzeit arbeitet er in der Nachtschicht auf dem Bushof und wartet auf eine Bef\u00f6rderung zum Busfahrer. Da sein Einkommen nicht zum Leben f\u00fcr die ganze Familie ausreicht, arbeitet seine Frau als Kassiererin im Supermarkt. Seine Tochter macht derzeit eine Ausbildung zur Arzthelferin, muss aber nebenbei einen Aushilfsjob machen, um sich die Ausbildung zu finanzieren.<\/p>\n<p>Wie in jedem brasilianischen Haus l\u00e4uft der Fernseher durchgehend und steht im Zentrum der bescheidenen Wohnk\u00fcche. Da Pritt kein Wort Portugiesisch spricht, muss ich unsere Unterhaltung \u00fcbersetzen, denn Hamilton spricht seinerseits kein Englisch, obwohl er es in der \u00f6ffentlichen Schule mehrere Jahre gelernt hat. Der Qualit\u00e4tsunterschied zwischen den kostenlosen \u00f6ffentlichen und den teuren Privatschulen in Brasilien ist so eklatant, dass Absolventen von \u00f6ffentlichen Schulen so gut wie nie die Aufnahmepr\u00fcfung zu einer Universit\u00e4t schaffen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der obligatorischen Hausf\u00fchrung will Pritt wissen, ob Hamilton eine offizielle Besitzurkunde f\u00fcr seinen Grund und Boden hat. Nat\u00fcrlich verf\u00fcgt er nur \u00fcber ein Dokument, das nachweist, dass das Grundst\u00fcck irgendwann einmal von dem Fazenda-Besitzer erworben wurde. Eine offizielle Registrierung gibt es nicht. Nach dem Gesetz sind alle H\u00e4user in der Favela rechtswidrig gebaut worden. Im Gegensatz zu den H\u00e4usern, die von Landbesetzern auf \u00f6ffentlichem oder privatem Grund errichtet worden sind, ist es jedoch sehr unwahrscheinlich, dass diese Favela abgerissen wird. Eine Garantie gibt es jedoch nicht.<\/p>\n<p>Das Haus selbst ist klein und bescheiden. Neben der Wohnk\u00fcche gibt es noch zwei weitere Zimmer und ein Bad. Die W\u00e4nde sind zum Teil unverputzt, das Dach ist bis auf das Schlafzimmer nicht isoliert. In ein bis zwei Metern Abstand vom Haus befindet sich die fast drei Meter hohe Mauer, die das gesamte Grundst\u00fcck umgibt. Die gesamte Fl\u00e4che entspricht ungef\u00e4hr einem der drei offenen Wohnbereiche des Anwesens, in dem Pritt und seine Frau wohnen, weil sie nichts Kleineres gefunden haben, und dessen Miete allein dem dreifachen Einkommen Hamiltons entspricht.<\/p>\n<p>Wir trinken ein Bier und steigen dann ins Auto, um in ein Lokal au\u00dferhalb der Favela im Zentrum von S\u00e3o Sebasti\u00e3o zu fahren. Wir landen in einem Etablissement mit vier Billardtischen, einer Theke und der obligatorischen Inneneinrichtung aus Plastiktischen und St\u00fchlen. Wir bestellen Bier und spielen eine Partie. Die Atmosph\u00e4re ist sehr entspannt und vergleichbar mit den Kneipen, in denen ich in Deutschland verkehre. Klar, es gibt auch Unterschiede. Ein junges P\u00e4rchen hat sein Kleinkind dabei, das im Arm der Mutter schl\u00e4ft. Ein M\u00e4dchen einer Gruppe junger G\u00e4ste sieht so minderj\u00e4hrig aus, dass Pritt die Frage stellt, ob es in Brasilien so etwas wie Jugendschutz gibt. Hamilton erkl\u00e4rt, dass das Mindestalter f\u00fcr Kneipen 18 Jahre betr\u00e4gt, dass dies jedoch nicht \u00fcberwacht wird. Der gr\u00f6\u00dfte Unterschied f\u00fcr mich ist jedoch mein Exotenstatus. Einer der zwei Kellner hat eine etwas hellere Haut. Ansonsten bin ich der einzige Wei\u00dfe mit hellem Haar im Raum. Pritt mit seiner dunklen Haut und seiner dunklen Haarfarbe f\u00e4llt unter den vielen G\u00e4sten mit sichtbar j\u00fcngeren afrikanischen Genen kaum auf. Ich stelle hingegen so eindeutig die Schicht reicher, wei\u00dfer Brasilianer dar, dass der Obdachlose, der das Lokal betritt, um vom Wirt die leeren Bierdosen und Flaschen einzusammeln, nur mich anspricht, um einen Schnaps zu erbetteln. Ich biete ihm ein Glas von meinem Bier an, und er trinkt es in einem Zug aus. Auf dem Weg nach drau\u00dfen stolpert er und l\u00e4sst seinen Eimer mit den Dosen und Flaschen fallen.<\/p>\n<p>Unsere Stimmung l\u00f6st sich im Laufe des Billardspiels. Hamilton fragt, wie das indische Wort f\u00fcr \u201eProst\u201c lautet. Pritt erwidert, dass es ein solches Wort nicht gibt. Stattdessen taucht er zwei Finger in sein Bierglas und schnippst jeweils einmal nach oben, nach unten, nach rechts und nach links und sagt, dass sei ein Opfer an die vier Elemente Himmel, Erde, Wind und Wasser. Hamilton macht es ihm gleich uns schnippst mir dabei Bier ins Gesicht. Wir lachen.<\/p>\n<p>Als das Lokal sich leert, beschlie\u00dfen wir weiterzuziehen. Pritt hat unterwegs ein Stra\u00dfencaf\u00e9 am Eingang der Favela entdeckt, wo seiner Erinnerung nach jamaikanische Musik gespielt wurde. Als wir dort ankommen, stellen wir jedoch fest, dass es sich um Forr\u00f3 handelt. Denkt man an Brasilien und Musik, f\u00e4llt einem spontan der Samba ein. Doch das s\u00fcdamerikanische Land ist so anders, als der Tourist es sich vorstellt und in den gro\u00dfen St\u00e4dten an der K\u00fcste vielleicht auch erlebt. Forr\u00f3 ist im Gegensatz zum Samba oder dem Bossa Nova allgegenw\u00e4rtig im Radio, auf Stra\u00dfenfesten und gro\u00dfen Tanzveranstaltungen. Traditionell wird der eint\u00f6nige Musikstil im 4\/4-Takt stets mit Trommel, Triangel und Akkordeon gespielt. Die Band in dem Stra\u00dfenlokal mit wei\u00dfen Plastiktischen und St\u00fchlen sowie Energiesparlampen-Beleuchtung hat die klassischen Instrumente jedoch durch einen Synthesizer ersetzt und einen E-Gitarristen hinzugef\u00fcgt. Der S\u00e4nger fungiert gleichzeitig als Vort\u00e4nzer, der sich im Publikum tummelt. Die einfache Musik, bei der sich f\u00fcr mich jedes St\u00fcck gleich anh\u00f6rt, passt zur Einfachheit der G\u00e4ste. Ein Kerl in wei\u00dfem Hemd steht am Rand der kleinen Tanzfl\u00e4che und ist so betrunken, dass er sich an einem Stuhl festhalten muss, um nicht umzukippen. Die meisten Frauen sind \u00fcbertrieben geschminkt und haben unansehnliche dicke B\u00e4uche, welche die Folge von der t\u00e4glichen Ern\u00e4hrung mit den g\u00fcnstigen brasilianischen Grundnahrungsmitteln Reis und Bohnen sind. Wir versorgen uns in einem angrenzenden Kiosk mit Getr\u00e4nken, und zumindest Pritt und ich staunen \u00fcber die Freak-Show, die sich unserer Auffassung nach vor unseren Augen abspielt. Ich frage Hamilton, seit wann es den Forr\u00f3 in Brasilien gibt. \u201e1000 Jahre\u201c, antwortet er scherzhaft. \u201eIch wurde geboren, da gab es schon den Forr\u00f3.\u201c Ich versuche gedanklich einen Vergleich anzustellen. Mir f\u00e4llt nur der deutsche Schlager ein.<\/p>\n<p>Lange halten wir die Atmosph\u00e4re und die Musik nicht aus. Wieder steigen wir ins Auto und fahren zur\u00fcck ins Zentrum. Wir lassen uns in einem Etablissement, das bis Mitternacht frittiertes Essen serviert, nieder und essen eine Kleinigkeit. Celia und Camilla, Hamiltons Frau und Tochter, kommen kurz auf ihrem R\u00fcckweg vom Familienfest vorbei und begr\u00fc\u00dfen uns. Nachdem sie weitergefahren sind, fragt Hamilton Pritt, welche Art von Kneipe er bevorzugt. Pritt antwortet halb scherzhaft: \u201eA hole in the wall, where you can order beer.\u201c Ich schlage vor, auf dem Weg zur\u00fcck zu Hamiltons Haus eine Kneipe in der Favela aufzusuchen. \u201eCopo sujo\u201c, sagt unser Bar-Guide laut lachend. Gesagt, getan. Keine 500 Meter von seinem Heim entfernt finden wir noch ein ge\u00f6ffnetes Lokal, das Hamilton &#8222;Copo sujo&#8220; &#8211; dreckiges Glas &#8211; genannt hat. Die Bezeichnung steht synonym f\u00fcr eine Kneipe der unteren Kategorie. Weitere Abstufungen sind &#8222;P\u00e9 sujo&#8220; &#8211; dreckiger Fu\u00df &#8211; und &#8222;Cu sujo&#8220; &#8211; dreckiger Arsch.<\/p>\n<p>Als wir den Raum mit rohem Putz an den W\u00e4nden betreten, stellen wir fest, dass sich Pritts Wunsch erf\u00fcllt hat: keine St\u00fchle, keine Tische, zwei abgewrackte Billardtische und ein Loch in der Wand, das als Theke fungiert. Dahinter ein betrunkener Wirt sowie ein K\u00fchlschrank, aus dem das Bier kommt. Tats\u00e4chlich k\u00f6nnen wir an der Wand hinter der Theke eine Halterung erkennen, an der eine Reihe v\u00f6llig verstaubter Biergl\u00e4ser h\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Bis auf zwei weitere betrunkene G\u00e4ste ist der Raum menschenleer. Da ich den Abend \u00fcber haupts\u00e4chlich Cola und Guaran\u00e1 getrunken habe, f\u00e4llt mir der Zustand der Anwesenden besonders auf. Einer der G\u00e4ste, der sich uns mit dem Namen Dario vorstellt, ist eine Kollege Hamiltons. Er arbeitet als Schaffner im Omnibus und beschwert sich mir gegen\u00fcber lauthals \u00fcber den Zustand der brasilianischen Gesellschaft. Sicher, er mag betrunken sein, und in seinen Worten spiegelt sich der Frust eines Fahrkartenkontrolleurs wieder. Doch er dr\u00fcckt das aus, was die meisten Brasilianer der unterprivilegierten Klasse denken: \u201eIch bin jetzt 50 Jahre alt. Seit ich ein Kind war, erz\u00e4hlen mir die Politiker, dass alles besser werden wird. Doch nichts wird besser! Den armen Brasilianern mangelt es an guter Ausbildung, Essen und Geld, w\u00e4hrend die Reichen sich die Taschen vollstopfen.\u201c<\/p>\n<p>Vermutlich l\u00e4uft auch bei ihm der ganze Tag der Fernseher. Denn was er \u00fcbersieht, ist die Tatsache, dass die Arbeiterregierung unter den Pr\u00e4sidenten Lula und Rousseff, die das Land von 2003 bis 2016 regiert haben, sehr wohl deutlich sicht- und sp\u00fcrbare Verbesserungen f\u00fcr die arme Bev\u00f6lkerung vorgenommen hat. In jeder kleineren Stadt gibt es mittlerweile kostenlose Krankenstationen sowie kostenlose \u00f6ffentliche Sporteinrichtungen mit Fu\u00dfballpl\u00e4tzen, Turnhallen und Schwimmb\u00e4dern. Mit dem Programm \u201eBolsa Familia\u201c wurde so etwas wie Sozialhilfe f\u00fcr arme Familien eingerichtet und damit der Hunger im Land beseitigt. Unz\u00e4hlige neue Siedlungen mit billigem Wohnraum wurden mithilfe eines sozialen Wohnungsbauprogramms errichtet. Doch folgt man der \u00f6ffentlichen Meinung, sind Lula und Rousseff korrupte Verbrecher, w\u00e4hrend der derzeit nicht gew\u00e4hlte Pr\u00e4sident, der die ehemalige Pr\u00e4sidentin Dilma Rousseff mit fadenscheinigen Begr\u00fcndungen weggeputscht hat, dem jedoch selbst bereits Korruption nachgewiesen wurde, im Eiltempo die Arbeitszeit verl\u00e4ngert, die Sozialhilfe k\u00fcrzt, Schutzgebiete abbaut, die Rechte der Indigenen beschneidet und Teile des Landes und der Sch\u00fcrfrechte an ausl\u00e4ndische Firmen verkauft \u2013 alles zur \u201eRettung der Wirtschaft\u201c, wie er behauptet.<\/p>\n<p>Mittlerweile ist es ein Uhr, und an den Blicken von Hamilton und Pritt kann ich erkennen, dass der Genuss von Alkohol auch an ihnen nicht schadlos vor\u00fcbergegangen ist. Wir zahlen, verlassen die Kneipe, die hinter uns schlie\u00dft, und bringen Hamilton nach Hause. Danach fahre ich auch Pritt noch heim. Als wir die Wachen am Eingang des Condom\u00ednios, in dem er mit seiner Familie wohnt, passiert haben, f\u00e4llt uns beiden der gro\u00dfe Unterschied zwischen dem Leben in der Satellitenstadt und der Gated Community auf. W\u00e4hrend das Leben in der Stadt sich auf der Stra\u00dfe abspielt und auch in der Favela im Dunkeln noch Menschen au\u00dferhalb der H\u00e4user unterwegs sind, wirken die Stra\u00dfen im Condom\u00ednio steril und ausgestorben. Meine erste Assoziation ist \u201eFriedhof\u201c. Nur die Wachen auf ihren Mopeds, die rund um die Uhr Streife fahren, lassen darauf schlie\u00dfen, dass hinter den Mauern Menschen wohnen.<\/p>\n<p>Die brasilianische Gesellschaft ist in strikte Klassen unterteilt, die zudem einen deutlichen rassistischen Beigeschmack haben, ohne dass dies den Brasilianern besonders bewusst ist. In meinen Gespr\u00e4chen mit Nachbarn in unserem Condom\u00ednio habe ich erfahren, dass die Reichen die Armen fast alle f\u00fcr Kriminelle halten. Manche behaupten, es w\u00e4re pures Gl\u00fcck gewesen, dass wir auf unseren Reisen mit \u00dcbernachtungen im Freien noch nicht \u00fcberfallen worden sind. Ihr Wissen beziehen sie aus dem Fernsehen und den Zeitungen, in denen regelm\u00e4\u00dfig \u00fcber die hohe Kriminalit\u00e4tsrate in ihrem Land berichtet wird. Eine Favela oder ein Indigenendorf haben die wenigsten Brasilianer der Mittel- und Oberschicht pers\u00f6nlich von innen gesehen.<\/p>\n<p>Wie in fast allen anderen L\u00e4ndern auf der Erde ist es das Fernsehen, das die ver\u00e4rgerten Massen ruhig stellt. Das Fernsehen und die \u00fcbrigen Medien in S\u00fcdamerika werden von dem Medienunternehmen Grupo Globo beherrscht, dessen Eigent\u00fcmer die wei\u00dfe Milliard\u00e4rsfamilie Marinho ist. Es fl\u00fcstert den Menschen leise Parolen ein: &#8222;Der Markt braucht keine Reglementierung, denn die Regeln des Marktes sind wie Naturgesetze. Es gibt keine Alternative zum freien Markt. Wenn es der Wirtschaft gut geht, geht es auch dir gut. Wenn du dich anstrengst, kannst du aufsteigen, und dann geht es dir besser. Es gibt keine Klassen, sondern nur Individuen. Konsumieren macht gl\u00fccklich. Die Reichen haben ihren Reichtum verdient. Wenn es dir schlecht geht, bist du selber schuld.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gegen 19.30 Uhr breche ich mit dem Wagen auf, um Pritt im Santa Fe abzuholen. Gemeinsam wollen wir meinen Freund Hamilton treffen, den ich vom Schwimmen kenne. Ich fahre die Avenida do Sol, die Sonnenallee, entlang. 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