Wenn man nicht zum Franz gehen kann, muss man selber den Franz machen

Jaja, ich weiß. Eigentlich wollte ich die letzten drei Monate eine ausgedehnte Reise nach Patagonien machen. Der Prozess der Visumsverlängerung für Sylvias und meinen Aufenthalt in Brasilien dauerte jedoch bis Weihnachten. Gleichzeitig kamen wir auf die Idee, innerhalb des Condomínios umzuziehen in ein günstigeres und schöneres Haus, was wir dann auch in der ersten Januarwoche gemacht haben. Und jetzt ist es zu spät, da Patagonien nur im Sommer Sinn macht, wenn man dort campen will.

Stattdessen habe ich weiter an meinem zweiten Buch gearbeitet und – tata – eine Bar eröffnet. Die „Bar do Alemão da Boa Vista do Domingo dos Jogos de Água“, heißt übersetzt soviel wie die „Bar des Deutschen, der guten Aussicht, des Sonntags und der Wasserspiele“. Gestern war Eröffnung dieser sonntäglichen Veranstaltung in unserem neuen Haus. Wir zelebrierten die Synthese aus deutscher Kneipenkultur und den Vorzügen des brasilianischen Klimas zusammen mit Nachbarn und Freunden.

Nachtfalter XL

Falter

Selbst nach fast einem Jahr werden wir immer wieder von der Größe der Insektenwelt in Brasilien überrascht. Gestern Abend hörte ich lautes Flattern in dem geschlossenen Treppenhaus, das in unseren Garten führt. Das Tier, das sich dorthin verirrt hatte, hatte die Größe einer Fledermaus. Mit dem Netz, mit dem wir normalerweise den Pool säubern, holte ich es vorsichtig von der Decke und brachte es ins Freie. Bis zum Schluss war ich davon überzeugt, eine Fledermaus vor mir zu haben. Erst nach näherem Hinsehen wurde klar, dass es sich um ein Insekt handelte.

Eifelwetter

Nebel, Nieselregen und Eifelwetter bei 25 Grad.

Seit Anfang Januar lässt sich die Sonne kaum noch blicken. Die relative Luftfeuchtigkeit liegt bei 80 Prozent, und da die Temperaturen relativ hoch sind, ist auch die absolute Menge des in der Luft gebundenen Wassers sehr hoch. Den Schimmel freut’s. Auch die Mücken fühlen sich in diesem Klima pudelwohl. Die Wetterlage ist typisch für die Regenzeit und bleibt nach den Aussagen meiner brasilianischen Nachbarn und Wanderkollegen für einen Monat stabil. Dann nimmt die ständige Bewölkung wieder ab und die Sonne scheint regelmäßig.

Die vielen Niederschläge verändern auch die Wasserläufe dramatisch. Rinnsale, die in der Trockenzeit komplett austrocknen, mutieren zu Hindernissen, die für Kleintiere bereits ein Problem darstellen.

Regenzeit

Vor ein paar Wochen noch, als die Regenzeit begann, waren die Gewässer friedlich und pittoresk.

Jetzt regnet es täglich an die 40 mm. Das sind 40 Liter pro Quadratmeter. Und das immer innerhalb von ein bis zwei Stunden. Die Folgen sehen dann so aus:

Weihnachten 2015

Dramatischer Himmel

Weihnachtsgefühle kommen hier in Brasilia bei tagsüber ungefähr 30 Grad im Schatten kaum auf. Hier ist Hochsommer. In den Nächten ist es teilweise so warm, dass ich den Ventilator durchlaufen lasse.

Wenigstens hat die Regenzeit jetzt begonnen. Es regnet fast jeden Nachmittag und manchmal nachts. Vor drei Nächten ist so viel Wasser heruntergekommen, dass unser Pool am nächsten Morgen einen 4 cm höheren Wasserstand hatte. Die kleinen Bäche, die in der Trockenzeit vollkommen wasserlos waren, verwandeln sich nach einem Regenguss in reißende Ströme.

Nevertheless, ich wünsche allen Leserinnen und Lesern meines Blogs geruhsame Tage und einen schönen Jahresanfang.

Echter Orangensaft für 90 Cent

Vom Rohstoff zum Endprodukt in 30 Minuten. 45 Orangen ergeben 3 Liter Orangensaft und einen Eimer voll Schalen. 24 Orangen kosten umgerechnet 1,30 Euro. Macht 0,90 Euro pro Liter echten Orangensaft. Im Laden kostet frisch gepresster Orangensaft hier umgerechnet 2,20 Euro. Da lohnt sich das Selberpressen.

Donnerwetter

Gestern Nacht gegen 01.00 Uhr brach nach einigen Tagen drückender Schwüle die Hölle los. Das Gewitter, das mehrere Stunden anhielt, führte zu einem 12-stündigen Stromausfall.

Standbilder aus dem Video:

Als Folge des Unwetters spielte sich am Morgen diese Szene in unserem Schlafzimmer ab:

Downtown

Gestern Abend waren wir das erste Mal im Kino (Mockingjay, Teil 2 in 3D in der zweiten Reihe). Spannender als der Film war das Drumherum: der Vergnügungs- und Konsumtempel am Pier 21.

Lesen bildet

Seit neuestem lese ich morgens immer eine Stunde lang brasilianische Online-Zeitschriften, um mein Portugiesisch zu verbessern. Dabei bin ich über einen Artikel mit diesem Titel in der Brasilianischen Post gestolpert:

Sesc divulga nota de esclarecimento após peça polêmica com dedos no ânus

Übersetzt lautet der Titel: „Der SESC veröffentlicht eine Klarstellung nach einem polemischen Stück mit Fingern im Anus“.

„SESC“ steht für „Serviço Social do Comércio“ und bedeutet soviel wie „Sozialdienst des Handels“, einer privaten gemeinnützigen brasilianischen Organisation, die von Handels-, Dienstleistungs- und Tourismusunternehmen finanziert wird mit dem Hauptziel, das soziale Wohlbefinden der Angestellten und deren Familien zu verbessern sowie das der allgemeinen Öffentlichkeit. Das Betätigungsfeld der SESC liegt in den Bereichen Bildung, Gesundheit, Freizeit, Kultur und Soziales.

Was war geschehen? Im Rahmen einer jährlichen einwöchigen Veranstaltung namens „Mostra SESC Cariri de Culturas“ (übersetzt: Kulturelle SESC-Ausstellung der Region Cariri, oder so ähnlich) wurde ein Performance namens „Macaquinhos“ (frei übersetzt: Äffchen) basierend auf dem Buch „Das brasilianische Volk“ des Autors Darcy Ribeiro aufgeführt, in der acht nackte Männer und Frauen im Kreis laufen und sich dabei gegenseitig den Finger in den Popo stecken. Das Ganze hätte wohl kaum Aufsehen erregt, wenn nicht jemand im Publikum so geistesgegenwärtig gewesen wäre, die Szene mit seinem Smartphone zu filmen und auf Youtube zu stellen.

Vermutlich um rechtliche Schritte gegen die Veranstaltung vorzubeugen hat die Leitung der Veranstaltung nun eine Klarstellung veröffentlicht, die übersetzt wie folgt lautet:

Der SESC, eine durch die Handelsgesellschaften unterhaltene private Einrichtung, stellt hiermit öffentlich klar, dass die 17. Durchführung der „Mostra SESC Cariri de Culturas“ in 28 Gemeinden der Region Cariri den kostenlosen Zugang zu Kultur mit  unterschiedlichsten Ausstellungen fördert. Dieses Jahr hatten mehr als 200.000 Menschen Zugang zu 127 Aufführungen, welche in gänzlicher und voller Autonomie ausgesucht wurden anhand der in der Auschreibung der Kuratorengruppe festgelegten Kriterien. Dem SESC obliegt es gemäß der brasilianischen Verfassung nicht, irgendeine Art der Zensur auszuüben.

In Bezug auf die Präsentation „Äffchen“, basierend auf dem Buch „Das brasilianische Volk“ von Darcy Ribeiro, macht der SESC deutlich, dass er sich versichert hat, dass nur die interessierte Öffentlichkeit Zugang zu der betreffenden Aufführung hatte. So wurden alle Informationen im Vorfeld zur Verfügung gestellt, eine Klassifizierung auf 18 Jahre wurde festgelegt und die Zeit für die Präsentation auf 23 Uhr gelegt, Zugang nur mit Vorlage des Ausweises.

Der SESC hat weiterhin Vorsorge getroffen, keinerlei Bilder der Aufführung zu veröffentlichen in dem Sinne, dass Menschen außerhalb der festgelegten Altersgruppe einen Zugang zu den Inhalten haben sollten. Der SESC unterstützt nicht die Veröffentlichung der Aufführung und lehnt deren Verbreitung in sozialen Netzwerken ab.

Der SESC erfüllt damit seine Pflicht zur Wahrung des künstlerischen Schaffens bezüglich der Vielfältigkeit und der Formung des kritischen und autonomen Bewusstseins.

Die Leitung der Mostra SESC Cariri de Culturas

Ich dachte, nur die Deutschen könnten so herrlich gestelzt formulieren, wenn es darum geht, die Quadratur des Kreises zu erklären. Im Originaltext waren die Sätze sogar noch verschachtelter, so dass eine direkte Übersetzung kaum Sinn ergeben hätte.

Was ist die Nachricht der Klarstellung? Vordergründig: Künstlerische Freiheit ist per Gesetz unantastbar und der Veranstalter hat alles unternommen, um den Jugendschutz zu gewährleisten. Und die eigentliche Nachricht: Wir haben Angst, dass man uns anzeigt und dass uns der Geldhahn zugedreht wird.

Als ob künstlerische Freiheit tatsächlich unantastbar ist! Diejenigen, welche die Kunst finanzieren, haben immer das letzte Wort. Die öffentliche Stellungnahme der Veranstaltungsleitung ist der Beweis, dass selbst sie nicht an die künstlerische Freiheit glaubt, sonst würde sie sich nicht in dieser Form rechtfertigen. Ich bin mir sicher, dass im nächsten Jahr eine derartige Aufführung nicht stattfinden wird und wenn doch, dann werden mit Sicherheit vorher alle Kameras und Smartphones eingesammelt.

Der Goiânia-Unfall

Goiânia ist die Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaates Goiás und liegt ungefähr 200 Kilometer südwestlich von Brasilia. Auf der Rückfahrt von Bolivien sind wir nachts durch die 1,3 Millionen-Metropole gefahren und haben außer der Größe und der verworrenen Verkehrsführung kaum etwas über die Stadt erfahren. Im Nachhinein habe ich ein wenig recherchiert und bin auf diese Geschichte aus dem Jahre 1987 gestoßen: Der Goiânia-Unfall.

Vieles an der Geschichte spiegelt typische Phänomene in Brasilien wieder: Die Schlamperei der Verantwortlichen bei der Entsorgung des radioaktiven Mülls, die Ungebildetheit der Diebe sowie deren soziales Umfeld und die Tatsache, dass man am Ende immer die Behörden beschuldigt.