Parque Estadual do Jalapão

Auf dem Rückweg vom Indianerreservat nehmen Sylvia und ich sowie unsere Gäste Rike und Lauran einen kleinen Umweg über den spektakulären Parque Estadual do Jalapão, den man nur mit einem Allradfahrzeug besuchen kann. Knapp 170 Kilometer geht es auf der TO-255 von Ponte Alta do Tocantins Richtung Osten nach Mateiros über eine buckelige Erdstraße mit teils tiefen sandigen Stellen.

Es ist schon dunkel, als wir Ponte Alta do Tocantins verlassen. Das Gebiet zwischen den beiden Orten ist äußerst dünn besiedelt. Die Querrippen auf der Erdstraße rütteln den Wagen durch und lassen das Licht der Zusatzscheinwerfer vor uns tanzen. Wir sind die Einzigen auf der Straße und suchen einen Platz zum Übernachten. Am späten Morgen sind wir im Reservat aufgebrochen und haben 500 Kilometer Strecke hinter uns gebracht. In Brasilien ist ein Schnitt von über 50 km/h kaum zu schaffen, so dass wir bereits zehn Stunden im Auto sitzen.

Wir kommen an einem Haus vorbei, in dem noch Licht brennt. Sylvia und ich steigen aus und erfahren von den Bewohnern, dass sich keine drei Kilometer entfernt ein schöner Standplatz an einem Wasserfall befindet. Wir biegen an der beschriebenen Stelle von der Straße und folgen einem schmalen Sandweg weitere 1,5 Kilometer. Am Ende angekommen treffen wir auf einen deutsches Pärchen aus München mit einem Land Cruiser mit Aufstelldach – die ersten deutschen Weltreisenden, auf die wir nach zweieinhalb Jahren in Südamerika treffen! Sie sind wahrscheinlich genauso verdattert wie wir, in dieser Einöde Landsleuten zu begegnen. Wir unterhalten uns kurz mit ihnen und machen uns auch bettfertig.

Am nächsten Morgen verlassen uns Tina und Uwe aus München wieder, nicht ohne vorher Adressen und Telefonnummern ausgetauscht zu haben. Man läuft sich ja immer zweimal über den Weg. Wir hingegen bleiben noch einen Tag und basteln uns einen Schattenplatz.

Nach einem Ruhetag brechen wir wieder auf und fahren die TO-255 weiter Richtung Osten. Auch bei Tageslicht treffen wir auf keine Menschenseele.

Gegen Mittag landen wir am Chachoeira Velha am Rio Novo, wo wir auch die Nacht verbringen.

Am Folgetag brechen wir nach dem Frühstück auf, um uns wieder einige Kilometer auf der menschenleeren und teilweise nur sehr langsam zu befahrenden Landstraße fortzubewegen. Wir folgen einem Wegweiser, auf dem „Survivor Camping“ steht, und biegen auf eine Sandstraße, die nach zehn Kilometern am Rio Novo endet.

Der Campingplatz am Rio Novo wird von einem frustrierten älteren Pärchen geleitet, das es 15 Jahre zuvor hierher verschlagen hat und das sich von seinem Unterfangen einen deutlich höheren wirtschaftlichen Erfolg versprochen hat. Highlight des Platzes ist ein nur zehn Minuten Fußweg entfernter Strand am Rio Novo.

Am letzten Tag der Parkdurchquerung kommen wir an der Hauptattraktion der Gegend an: den Dünen von Jalapão. Wir schmuggeln den Hund im Auto am bewachten Eingang vorbei und brutzeln in der Spätnachmittagssonne in einer wüstenähnlichen Gegend vor uns hin.

Die Nacht verbringen wir ein paar Kilometer weiter auf einem Wanderparkplatz, von dem aus ein Pfad auf das dahinterliegende Hochplateau führt. Am nächsten Morgen steigen wir die 200 Höhenmeter auf, genießen kurz den Ausblick und machen uns dann auf den Heimweg Richtung Brasília.

Der Abschied von dieser optisch wunderschönen Gegend fällt uns erstaunlich leicht, denn was man auf den Bildern weder erkennen noch nachvollziehen kann, sind die unglaubliche Hitze und die unzähligen Mücken, die uns den ganzen Weg über malträtiert haben.

Barhopping in São Sebastião

Gegen 19.30 Uhr breche ich mit dem Wagen auf, um Pritt im Santa Fe abzuholen. Gemeinsam wollen wir meinen Freund Hamilton treffen, den ich vom Schwimmen kenne. Ich fahre die Avenida do Sol, die Sonnenallee, entlang. Rechts und links der Straße reiht sich ein Condomínio an das nächste. Hinter den mit Stacheldraht gespickten hohen Mauern der Gated Communities leben fast ausschließlich weiße und hellhäutige Brasilianer. Sie haben ihre Kindheit auf teuren Privatschulen verbracht, studiert und arbeiten als leitende Angestellte in Unternehmen und Regierungsorganisationen der Hauptstadt. Dunkelhäutige Menschen sieht man dort vorwiegend zu Fuß unterwegs, auf dem Weg zu und von den Häusern, in denen sie ohne geregeltes Arbeitsverhältnis putzen, den Garten pflegen, die Kinder weißer Familien hüten oder auf Baustellen arbeiten.

Nach zehn Minuten Fahrt über unzählige Bremsschwellen erreiche ich die Hauptstraße am Jardim Botânico, eine lokale Shoppingmeile, wo die Bewohner der Condomínios ihre Einkäufe tätigen. Das Santa Fe, eine Bar mit dem Charme von Lokalitäten, die man in Deutschland in Shopping Centern antrifft, befindet sich auch dort. Die Hochglanzkneipe besticht durch sterile Atmosphäre, Bedienstete in uniformer Kleidung und Live-Musik gespielt von professionellen Coverbands. Hier kann man an gut besuchten Abenden frisch rasierte 50-jährige Familienväter in pinken Polohemden zur Musik von Pink Floyd abrocken sehen.

Pritt wartet schon auf mich und raucht eine Zigarette. Ich kenne ihn über Sylvia. Er ist sieben Jahre jünger als ich und arbeitet freiberuflich für die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, allerdings in Uganda. Er wohnt in Brasília, weil seine Frau wie Sylvia für die GIZ in Brasilien arbeitet. Hin und wieder fliegt er nach Afrika und trifft sich mit seinen Auftraggebern, um über Shitflow-Management, seinem Beratungsgebiet, zu sprechen. Ja, genau, Pritt macht in Scheiße. Besser gesagt, in deren Entsorgung und Aufbereitung. Studiert hat er in Deutschland. Sein Studium hat er sich als Koch in einem indischen Restaurant finanziert.

Während wir vor dem Santa Fe stehen und Pritt seine Zigarette raucht, tritt ein vollkommen betrunkener Gast der Kneipe auf mich zu und beginnt, mich ohne Anlass über sein Auto vollzulabern. Ich glaube, er will es mir verkaufen. Dabei legt er seine Hand an meinen Hinterkopf und zieht mich zu sich heran, bis unsere Köpfe sich berühren. Ich blicke Pritt hilfesuchend an. Er drückt seine halbfertige Zigarette aus und sagt: „Let‘s go.“ Im Auto ergänzt er in seinem typisch indischen Akzent: „Saturday night. People get drunk.“

Wir fahren die sechsspurige Hauptstraße hinunter nach São Sebastião, eine der Satellitenstädte Brasílias. Vor uns breitet sich ein Meer an Straßenlichtern aus, das fast bis zum Horizont reicht. Kaum zu glauben, dass der Ort vor 25 Jahren noch ein kleines Dorf war. Unverputzte, maximal zweistöckige Häuser säumen die breite Straße, die uns zum Zentrum der Stadt führt. Wir passieren dieses und biegen stadtauswärts rechts ab, um in eine der „Communidades“ – ein besseres Wort für Favela – der Stadt zu fahren, wo Hamilton wohnt. Pritt wollte mich unbedingt begleiten, als ich davon erzählte, dass ich mit Hamilton eine Kneipentour durch das „echte“ Brasilien machen wollte. Doch als ich wiederum abbiege, um in ein dunkles, wenig beleuchtetes Viertel mit staubigen und buckeligen Erdstraßen zu fahren, wird er auffällig ruhig und muss schlucken. Er kennt Slums aus seiner Heimatstadt Mumbai, die er noch immer Bombay nennt, und kann sich ebenso wie ich kaum von dem Klischee befreien, dass diese Orte für augenscheinlich gutbetuchte Menschen wie uns gefährlich sein können.

Immer tiefer fahren wir in die Favela hinein. Rechts und links der mit Müllbeuteln gesäumten Straße sind hin und wieder dunkel- bis schwarzhäutige Bewohner zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs und schielen auf das Nummernschild unseres Autos. Ich habe Sylvias Wagen mit dem blauen Diplomatenkennzeichen genommen, weil meiner in Reparatur ist. Dann biegen wir nochmals in eine Seitenstraße ab. Müll stapelt sich auf dem unebenen Weg. Auch in der Favela sind die einzelnen Häuser hinter hohen Mauern und blickdichten eisernen Toren verborgen. Da die Grundstücke nicht besonders groß sind, sind die Mauern auf beiden Seiten der Straße durchgehend. Die Favela ist auf dem Land einer ehemaligen Fazenda erbaut worden, das nie offiziell als Bauland ausgeschrieben wurde. Es gibt zwar vereinzelt Straßenlaternen, doch die Bewohner zapfen die Elektrizitätsversorgung ihrer Häuser illegal ab. Wasser kommt aus lokalen Brunnen, Trinkwasser müssen die Bewohner in Geschäften kaufen.

Wir halten vor einem der Eisentore und steigen aus. Hamilton hat die in dem Tor eingelassene Tür bereits geöffnet, so dass wir eintreten können. Er ist allein zu Haus und empfängt uns in seiner stets gut gelaunten Art. Seine Frau und seine 18-jährige Tochter sind auf einem Familienfest. Hamilton ist vier Jahre jünger als ich und arbeitet bei den öffentlichen Verkehrsbetrieben, wo er 2.000 Real im Monat verdient, umgerechnet ca. 600 Euro. Er sagt, die Leute, die in den Condomínios als Gärtner oder Putzhilfe arbeiten, verdienen mehr als er, haben aber keine soziale Absicherung. Früher hat er als Moto-Boy Pizzas ausgeliefert und als LKW-Fahrer gearbeitet. Seine Karriere bei den Verkehrsbetrieben begann als Schaffner im Bus. Derzeit arbeitet er in der Nachtschicht auf dem Bushof und wartet auf eine Beförderung zum Busfahrer. Da sein Einkommen nicht zum Leben für die ganze Familie ausreicht, arbeitet seine Frau als Kassiererin im Supermarkt. Seine Tochter macht derzeit eine Ausbildung zur Arzthelferin, muss aber nebenbei einen Aushilfsjob machen, um sich die Ausbildung zu finanzieren.

Wie in jedem brasilianischen Haus läuft der Fernseher durchgehend und steht im Zentrum der bescheidenen Wohnküche. Da Pritt kein Wort Portugiesisch spricht, muss ich unsere Unterhaltung übersetzen, denn Hamilton spricht seinerseits kein Englisch, obwohl er es in der öffentlichen Schule mehrere Jahre gelernt hat. Der Qualitätsunterschied zwischen den kostenlosen öffentlichen und den teuren Privatschulen in Brasilien ist so eklatant, dass Absolventen von öffentlichen Schulen so gut wie nie die Aufnahmeprüfung zu einer Universität schaffen.

Während der obligatorischen Hausführung will Pritt wissen, ob Hamilton eine offizielle Besitzurkunde für seinen Grund und Boden hat. Natürlich verfügt er nur über ein Dokument, das nachweist, dass das Grundstück irgendwann einmal von dem Fazenda-Besitzer erworben wurde. Eine offizielle Registrierung gibt es nicht. Nach dem Gesetz sind alle Häuser in der Favela rechtswidrig gebaut worden. Im Gegensatz zu den Häusern, die von Landbesetzern auf öffentlichem oder privatem Grund errichtet worden sind, ist es jedoch sehr unwahrscheinlich, dass diese Favela abgerissen wird. Eine Garantie gibt es jedoch nicht.

Das Haus selbst ist klein und bescheiden. Neben der Wohnküche gibt es noch zwei weitere Zimmer und ein Bad. Die Wände sind zum Teil unverputzt, das Dach ist bis auf das Schlafzimmer nicht isoliert. In ein bis zwei Metern Abstand vom Haus befindet sich die fast drei Meter hohe Mauer, die das gesamte Grundstück umgibt. Die gesamte Fläche entspricht ungefähr einem der drei offenen Wohnbereiche des Anwesens, in dem Pritt und seine Frau wohnen, weil sie nichts Kleineres gefunden haben, und dessen Miete allein dem dreifachen Einkommen Hamiltons entspricht.

Wir trinken ein Bier und steigen dann ins Auto, um in ein Lokal außerhalb der Favela im Zentrum von São Sebastião zu fahren. Wir landen in einem Etablissement mit vier Billardtischen, einer Theke und der obligatorischen Inneneinrichtung aus Plastiktischen und Stühlen. Wir bestellen Bier und spielen eine Partie. Die Atmosphäre ist sehr entspannt und vergleichbar mit den Kneipen, in denen ich in Deutschland verkehre. Klar, es gibt auch Unterschiede. Ein junges Pärchen hat sein Kleinkind dabei, das im Arm der Mutter schläft. Ein Mädchen einer Gruppe junger Gäste sieht so minderjährig aus, dass Pritt die Frage stellt, ob es in Brasilien so etwas wie Jugendschutz gibt. Hamilton erklärt, dass das Mindestalter für Kneipen 18 Jahre beträgt, dass dies jedoch nicht überwacht wird. Der größte Unterschied für mich ist jedoch mein Exotenstatus. Einer der zwei Kellner hat eine etwas hellere Haut. Ansonsten bin ich der einzige Weiße mit hellem Haar im Raum. Pritt mit seiner dunklen Haut und seiner dunklen Haarfarbe fällt unter den vielen Gästen mit sichtbar jüngeren afrikanischen Genen kaum auf. Ich stelle hingegen so eindeutig die Schicht reicher, weißer Brasilianer dar, dass der Obdachlose, der das Lokal betritt, um vom Wirt die leeren Bierdosen und Flaschen einzusammeln, nur mich anspricht, um einen Schnaps zu erbetteln. Ich biete ihm ein Glas von meinem Bier an, und er trinkt es in einem Zug aus. Auf dem Weg nach draußen stolpert er und lässt seinen Eimer mit den Dosen und Flaschen fallen.

Unsere Stimmung löst sich im Laufe des Billardspiels. Hamilton fragt, wie das indische Wort für „Prost“ lautet. Pritt erwidert, dass es ein solches Wort nicht gibt. Stattdessen taucht er zwei Finger in sein Bierglas und schnippst jeweils einmal nach oben, nach unten, nach rechts und nach links und sagt, dass sei ein Opfer an die vier Elemente Himmel, Erde, Wind und Wasser. Hamilton macht es ihm gleich uns schnippst mir dabei Bier ins Gesicht. Wir lachen.

Als das Lokal sich leert, beschließen wir weiterzuziehen. Pritt hat unterwegs ein Straßencafé am Eingang der Favela entdeckt, wo seiner Erinnerung nach jamaikanische Musik gespielt wurde. Als wir dort ankommen, stellen wir jedoch fest, dass es sich um Forró handelt. Denkt man an Brasilien und Musik, fällt einem spontan der Samba ein. Doch das südamerikanische Land ist so anders, als der Tourist es sich vorstellt und in den großen Städten an der Küste vielleicht auch erlebt. Forró ist im Gegensatz zum Samba oder dem Bossa Nova allgegenwärtig im Radio, auf Straßenfesten und großen Tanzveranstaltungen. Traditionell wird der eintönige Musikstil im 4/4-Takt stets mit Trommel, Triangel und Akkordeon gespielt. Die Band in dem Straßenlokal mit weißen Plastiktischen und Stühlen sowie Energiesparlampen-Beleuchtung hat die klassischen Instrumente jedoch durch einen Synthesizer ersetzt und einen E-Gitarristen hinzugefügt. Der Sänger fungiert gleichzeitig als Vortänzer, der sich im Publikum tummelt. Die einfache Musik, bei der sich für mich jedes Stück gleich anhört, passt zur Einfachheit der Gäste. Ein Kerl in weißem Hemd steht am Rand der kleinen Tanzfläche und ist so betrunken, dass er sich an einem Stuhl festhalten muss, um nicht umzukippen. Die meisten Frauen sind übertrieben geschminkt und haben unansehnliche dicke Bäuche, welche die Folge von der täglichen Ernährung mit den günstigen brasilianischen Grundnahrungsmitteln Reis und Bohnen sind. Wir versorgen uns in einem angrenzenden Kiosk mit Getränken, und zumindest Pritt und ich staunen über die Freak-Show, die sich unserer Auffassung nach vor unseren Augen abspielt. Ich frage Hamilton, seit wann es den Forró in Brasilien gibt. „1000 Jahre“, antwortet er scherzhaft. „Ich wurde geboren, da gab es schon den Forró.“ Ich versuche gedanklich einen Vergleich anzustellen. Mir fällt nur der deutsche Schlager ein.

Lange halten wir die Atmosphäre und die Musik nicht aus. Wieder steigen wir ins Auto und fahren zurück ins Zentrum. Wir lassen uns in einem Etablissement, das bis Mitternacht frittiertes Essen serviert, nieder und essen eine Kleinigkeit. Celia und Camilla, Hamiltons Frau und Tochter, kommen kurz auf ihrem Rückweg vom Familienfest vorbei und begrüßen uns. Nachdem sie weitergefahren sind, fragt Hamilton Pritt, welche Art von Kneipe er bevorzugt. Pritt antwortet halb scherzhaft: „A hole in the wall, where you can order beer.“ Ich schlage vor, auf dem Weg zurück zu Hamiltons Haus eine Kneipe in der Favela aufzusuchen. „Copo sujo“, sagt unser Bar-Guide laut lachend. Gesagt, getan. Keine 500 Meter von seinem Heim entfernt finden wir noch ein geöffnetes Lokal, das Hamilton „Copo sujo“ – dreckiges Glas – genannt hat. Die Bezeichnung steht synonym für eine Kneipe der unteren Kategorie. Weitere Abstufungen sind „Pé sujo“ – dreckiger Fuß – und „Cu sujo“ – dreckiger Arsch.

Als wir den Raum mit rohem Putz an den Wänden betreten, stellen wir fest, dass sich Pritts Wunsch erfüllt hat: keine Stühle, keine Tische, zwei abgewrackte Billardtische und ein Loch in der Wand, das als Theke fungiert. Dahinter ein betrunkener Wirt sowie ein Kühlschrank, aus dem das Bier kommt. Tatsächlich können wir an der Wand hinter der Theke eine Halterung erkennen, an der eine Reihe völlig verstaubter Biergläser hängt.

Bis auf zwei weitere betrunkene Gäste ist der Raum menschenleer. Da ich den Abend über hauptsächlich Cola und Guaraná getrunken habe, fällt mir der Zustand der Anwesenden besonders auf. Einer der Gäste, der sich uns mit dem Namen Dario vorstellt, ist eine Kollege Hamiltons. Er arbeitet als Schaffner im Omnibus und beschwert sich mir gegenüber lauthals über den Zustand der brasilianischen Gesellschaft. Sicher, er mag betrunken sein, und in seinen Worten spiegelt sich der Frust eines Fahrkartenkontrolleurs wieder. Doch er drückt das aus, was die meisten Brasilianer der unterprivilegierten Klasse denken: „Ich bin jetzt 50 Jahre alt. Seit ich ein Kind war, erzählen mir die Politiker, dass alles besser werden wird. Doch nichts wird besser! Den armen Brasilianern mangelt es an guter Ausbildung, Essen und Geld, während die Reichen sich die Taschen vollstopfen.“

Vermutlich läuft auch bei ihm der ganze Tag der Fernseher. Denn was er übersieht, ist die Tatsache, dass die Arbeiterregierung unter den Präsidenten Lula und Rousseff, die das Land von 2003 bis 2016 regiert haben, sehr wohl deutlich sicht- und spürbare Verbesserungen für die arme Bevölkerung vorgenommen hat. In jeder kleineren Stadt gibt es mittlerweile kostenlose Krankenstationen sowie kostenlose öffentliche Sporteinrichtungen mit Fußballplätzen, Turnhallen und Schwimmbädern. Mit dem Programm „Bolsa Familia“ wurde so etwas wie Sozialhilfe für arme Familien eingerichtet und damit der Hunger im Land beseitigt. Unzählige neue Siedlungen mit billigem Wohnraum wurden mithilfe eines sozialen Wohnungsbauprogramms errichtet. Doch folgt man der öffentlichen Meinung, sind Lula und Rousseff korrupte Verbrecher, während der derzeit nicht gewählte Präsident, der die ehemalige Präsidentin Dilma Rousseff mit fadenscheinigen Begründungen weggeputscht hat, dem jedoch selbst bereits Korruption nachgewiesen wurde, im Eiltempo die Arbeitszeit verlängert, die Sozialhilfe kürzt, Schutzgebiete abbaut, die Rechte der Indigenen beschneidet und Teile des Landes und der Schürfrechte an ausländische Firmen verkauft – alles zur „Rettung der Wirtschaft“, wie er behauptet.

Mittlerweile ist es ein Uhr, und an den Blicken von Hamilton und Pritt kann ich erkennen, dass der Genuss von Alkohol auch an ihnen nicht schadlos vorübergegangen ist. Wir zahlen, verlassen die Kneipe, die hinter uns schließt, und bringen Hamilton nach Hause. Danach fahre ich auch Pritt noch heim. Als wir die Wachen am Eingang des Condomínios, in dem er mit seiner Familie wohnt, passiert haben, fällt uns beiden der große Unterschied zwischen dem Leben in der Satellitenstadt und der Gated Community auf. Während das Leben in der Stadt sich auf der Straße abspielt und auch in der Favela im Dunkeln noch Menschen außerhalb der Häuser unterwegs sind, wirken die Straßen im Condomínio steril und ausgestorben. Meine erste Assoziation ist „Friedhof“. Nur die Wachen auf ihren Mopeds, die rund um die Uhr Streife fahren, lassen darauf schließen, dass hinter den Mauern Menschen wohnen.

Die brasilianische Gesellschaft ist in strikte Klassen unterteilt, die zudem einen deutlichen rassistischen Beigeschmack haben, ohne dass dies den Brasilianern besonders bewusst ist. In meinen Gesprächen mit Nachbarn in unserem Condomínio habe ich erfahren, dass die Reichen die Armen fast alle für Kriminelle halten. Manche behaupten, es wäre pures Glück gewesen, dass wir auf unseren Reisen mit Übernachtungen im Freien noch nicht überfallen worden sind. Ihr Wissen beziehen sie aus dem Fernsehen und den Zeitungen, in denen regelmäßig über die hohe Kriminalitätsrate in ihrem Land berichtet wird. Eine Favela oder ein Indigenendorf haben die wenigsten Brasilianer der Mittel- und Oberschicht persönlich von innen gesehen.

Wie in fast allen anderen Ländern auf der Erde ist es das Fernsehen, das die verärgerten Massen ruhig stellt. Das Fernsehen und die übrigen Medien in Südamerika werden von dem Medienunternehmen Grupo Globo beherrscht, dessen Eigentümer die weiße Milliardärsfamilie Marinho ist. Es flüstert den Menschen leise Parolen ein: „Der Markt braucht keine Reglementierung, denn die Regeln des Marktes sind wie Naturgesetze. Es gibt keine Alternative zum freien Markt. Wenn es der Wirtschaft gut geht, geht es auch dir gut. Wenn du dich anstrengst, kannst du aufsteigen, und dann geht es dir besser. Es gibt keine Klassen, sondern nur Individuen. Konsumieren macht glücklich. Die Reichen haben ihren Reichtum verdient. Wenn es dir schlecht geht, bist du selber schuld.“

Die Krahô-Indianer: Eine Gemeinschaft an der Schnittstelle zweier extrem unterschiedlicher Kulturen

Um Aliens zu begegnen, muss man nicht von Reisen zu fernen Sternensystemen träumen. Ein Besuch in einem brasilianischen Indigenen-Reservat reicht aus, die unterschiedliche Betrachtungsweise der Umwelt und der Zeit aus der Perspektive einer vollkommen anderen Kultur zu erfahren. Das Dorf, zu dessen einwöchigem Fest wir von zwei Indigenen in dem Biokonstruktionskurs in Brasília eingeladen wurden, liegt in einem mit kleineren Flüssen und Bachläufen durchzogenen Indianerreservat zusammen mit 21 weiteren Dörfern im Norden des brasilianischen Bundesstaates Tocantins. Ausgehend von der brasilianischen Kleinstadt Itacajá verbindet eine bucklige Erdstraße die jeweils als Kreis angelegten indigenen Siedlungen mit je einem zentralen Platz für rituelle Handlungen in der Mitte. Der typische Aufbau eines Krahô-Dorfes sieht so aus. Am Morgen nach unserer Ankunft werden wir von einem Vorsänger des Festes mit einem Lied begrüßt.

Die Kultur der Krahô-Indianer, ehemalige Nomaden, die nun aufgrund der Begrenztheit des Reservats zur Sesshaftigkeit gezwungen sind, ist so verschieden von der europäisch und afrikanisch geprägten Kultur der Brasilianer, dass sie sich trotz des über hundertjährigen Kontaktes und des Lebens in einem Reservat seit fast 60 Jahren noch immer größtenteils erhalten hat. Die auffälligsten und sofort spürbaren Unterschiede bestehen in der Wahrnehmung der Natur und der Zeit. Die Krahô sind noch immer vornehmlich Jäger und Sammler und betrachten ihre natürliche Umwelt als allgegenwärtigen Versorger. Wasser und Nahrung sind jederzeit verfügbar. Hunger ist die Motivation, um sich auf die Suche nach etwas Essbarem zu machen. Aufgrund dieser Sichtweise bewahren sich die Indigenen im Erwachsenenalter etwas, das wir „kindlich“ nennen würden: das fast ausschließliche Leben im sorgenfreien Hier und Jetzt. Gedanken an die Zukunft und das Schmieden von Plänen zu Veränderung der gegenwärtigen Situation spielen im Bewusstsein der Indigenen nur eine untergeordnete Rolle. Hat man diesen zentralen und konstituierenden Unterschied einmal verstanden, kann man auch die für uns widersprüchlichen Verhaltensweisen der Indigenen im Umgang mit Errungenschaften der brasilianischen Kultur nachvollziehen. So verwundert es nicht, wenn das Dorf tagelang nicht über fließendes Wasser verfügt, weil der Sprit für die vom brasilianischen Staat installierte, dieselbetriebene Wasserpumpe am Fluss ausgegangen ist. Auslöser für das Sammeln von Geld und den Kauf von neuem Treibstoff ist nicht die Sorge um den Ausfall der Wasserversorgung in der Zukunft, sondern der Ausfall selbst.

Neben dem Transport von Wasser mittels der Pumpe und eines Rohrleitungssystems vom ca. einen Kilometer entfernt liegenden Fluss sind noch weitere brasilianische Einflüsse auf den ersten Blick sichtbar. Die Männer tragen ausschließlich Shorts, wobei der Oberkörper tagsüber frei bleibt und nur nachts gelegentlich mit einem T-Shirt bedeckt wird. Die Frauen nutzen bunte Stoffe als Kleider, die bei Mädchen und älteren Frauen jedoch nur den Unterleib bedecken. Das schamhafte Verdecken sekundärer Geschlechtsmerkmale durch Oberteile und Büstenhalter wird nur von Frauen mittleren Alters betrieben. Man trägt Havajanas – Flipflops – als Schuhwerk. Einige der Familien verfügen über Mopeds.

Der größte und allgegenwärtige Einfluss brasilianischer Kultur ist jedoch der Stromversorgung geschuldet. Mit ihr kommen Radio und Fernsehen. Smartphones mit Internetzugang sind bei der jüngeren Generation zum Alltagsgegenstand geworden. Das Dorf mit 22 Häusern, in denen jeweils zwei bis drei Familien und insgesamt circa 80 Kinder leben, verfügt über drei Fernseher, und nicht selten kann man nachts laute brasilianische Pop-Musik hören. Dies wirkt selbst auf außenstehende Beobachter aufgrund der Andersartigkeit der indigenen Kultur befremdlich. Der unschönste Nebeneffekt des Zugangs zu modernen Produktionsgütern ist der überall herumliegende Müll, Plastiktüten und andere, sich nicht natürlich abbauende Materialien. Aufgrund ihrer nomadischen Vergangenheit verfügen die Krahô dieses Dorfes, das im Vergleich zu Nachbarsiedlungen großen Wert auf den Erhalt der ursprünglichen Kultur legt, noch nicht einmal über Toiletten. Die Notdurft wird 30 bis 40 Meter entfernt vom Haus in den Büschen verrichtet. Die einstöckigen Häuser bestehen aus simplen Holzskeletten, welche das Dach aus geflochtenen Palmblättern tragen. Nur wenige Gebäude verfügen über Seitenwände aus Lehm und Holz oder Blättern. Manche Familien züchten Hühner, andere bauen ein wenig Maniok an. Tauschhandel und gegenseitiges Aushelfen ist zu vermuten.

Das Schulgebäude reiht sich zwar in den Kreis der Häuser des Dorfes ein, ist aber ein Fremdkörper, der seine Daseinsberechtigung nur aus der aufgezwungen brasilianischen Schulpflicht bezieht. Da es nicht von den Indigenen errichtet wurde, sticht auch seine Bauweise heraus. Es verfügt über dichte, aus Holzplanken bestehende Außen- und Innenwände sowie verschließbare Türen. Die Kinder der Indigenen lernen dort von brasilianischen Lehrerinnen und Lehrern Portugiesisch und Grundschulwissen. Selbst die ältesten Dorfbewohner sprechen neben ihrer indigenen Sprache gebrochen bis fließend Portugiesisch, was darauf schließen lässt, dass die schulischen Einrichtungen die langfristigste und wichtigste Schnittstelle zur brasilianischen Kultur darstellen. Für die westlichen Besucher des Indianerfestes – neben uns eine ehemalige brasilianische Bundesrichterin, ein Hobbyfotograf, der in einer IT-Firma arbeitet, eine eingewanderte italienische Ärztin aus Sardinien sowie der ehemalige Berufsschullehrer und Architekt João, der zufälligerweise Bruder unseres Nachbarn Flavio ist – ist die Schule Botschaftsgebäude und Unterkunft in einem.

In Gesprächen mit den Lehrern, Betreuern, Gästen und Einwohnern des Dorfes erfahren wir in den drei Tagen unseres Aufenthaltes mehr über die Einflüsse der brasilianischen Kultur auf die Krahô und die Probleme, die damit einhergehen. Über die staatliche Grundversorgung „Bolsa Familia“, deren Ansatz eigentlich die Vermeidung von Kinderarbeit ist, erhalten die indigenen Familien einmal pro Monat eine finanzielle Unterstützung, die hauptsächlich in den Erwerb von Grundnahrungsmitteln angelegt wird. Für die Indigenen hat diese aufwandslose Nahrungsversorgung jedoch große Nachteile. Da anstatt Honig und Früchte nun Zucker konsumiert und keine Zahnpflege betrieben wird, leiden bereits Kinder und Jugendliche unter Karies. Das Gebiss junger Frauen und Männer weist Lücken durch gezogene Zähne auf, wenn sie lächeln. Ältere Menschen ab 40 Jahren verfügen über fast gar keine Zähne mehr. Man erschrickt innerlich, wenn man erfährt, dass Indios, die man aufgrund ihres Äußeren als ungefähr gleichaltrig geschätzt hat, tatsächlich 15 Jahre jünger sind.

Das Dorf, das wir besuchen, hat sich erst vor zehn Jahren gegründet. Die Bewohner haben sich von ihrer ursprünglichen Dorfgemeinschaft getrennt, weil diese in ihren Augen zu sehr der brasilianischen Kultur verfallen war und mit Alkoholproblemen zu kämpfen hatte. Ähnlich wie die Ostasiaten verfügen die Indigenen Amerikas nicht über die entsprechenden Enzyme, um dieses Gift abzubauen, und werden schon von geringen Mengen betrunken wie süchtig. Als Ersatzdroge dient den Bewohnern unseres Dorfes Marihuana, welches regelmäßig, insbesondere von den Erwachsenen, konsumiert wird.

Während der zwei Tage des einwöchigen Festes, an denen wir anwesend sind, können wir verschiedene Rituale und Festaktivitäten beobachten. Jede Nacht ab ein Uhr beginnen auf dem zentralen Platz in der Mitte des Dorfes Gesänge von Frauen- oder Männergruppen, die ohne Unterbrechung bis zum Anbruch des Tages fortgeführt werden. Ein Vorsänger mit einer einfachen Rassel gibt den eintönigen Takt und die Melodie vor. Gesungen werden hauptsächlich Laute, die man aus Cowboy- und Indianerfilmen aus den 60ern kennt. In dieser Hinsicht ist die Fiktion nicht weit entfernt von der Realität. Das Ziel dieser Übung ist natürlich die Erreichung eines gemeinsamen Trance-Zustands.

Ein weiterer Teil der Festivität ist das Baumstamm-Wettschleppen. Schwere Bambus-Baumstümpfe werden von mehreren Männer- und Frauengruppen von einem acht Kilometer entferntem Ort möglichst schnell ins Dorf gebracht. Die einzelnen Gruppenmitglieder wechseln sich beim Tragen ab. Wie sehr es dabei nicht ums Gewinnen und um Fairness geht, zeigt das Beispiel einer Gruppe, die den Start verpasst hat und mit Motorrädern zur führenden Mannschaft aufschließt. Wenn die erste Männergruppe im Dorf ankommt, muss sie solange mit dem Baumstumpf im Kreis um den Dorfplatz rennen, bis die Frauengruppe das Ziel auch erreicht hat. Der Hintergrund dieses Wettbewerbs erscheint aufgrund der nomadischen Vergangenheit des Volkes eindeutig. Man will sich fit halten für das beständige Umziehen der Gemeinschaft.

Am letzten Tag des Festes steht ein Initiationsritual an. Zwei Jungen werden geschmückt und offiziell in die Männergemeinschaft des Dorfes aufgenommen.

Die Hierarchiestruktur der Indigenen-Gemeinschaft ist für uns nicht vollkommen durchschaubar. Es gibt jeweils einen Oberhäuptling sowie Unterhäuptlinge auf beiden Seiten der Geschlechter. Allerdings wird uns nicht klar, ob die Hierarchiestufen an das Alter, die Familienabstammung oder eine Wahl gebunden ist. Eindeutig ist jedoch, dass die Häuptlinge sowie die Älteren des Dorfes die Traditionen der Indigenen fortführen wollen, während viele Jüngere sich nur mäßig an den Ritualen des Festes beteiligen. Entfernt erinnert die Situation an ein oberbayrisches Dorf, dessen Ältesten sich darüber beklagen, dass die Jugend sich für die Kultur aus Radio und Fernsehen interessiert, die Traditionen nicht mehr pflegt und in die Städte abwandert.

Aus Neugierde frage ich einen 15-jährigen Indio-Jungen, dessen portugiesischer Name „Paulo Seis“ lautet, wie er sich seine Zukunft vorstellt; ob er im Dorf bleiben oder in die Stadt will.

Etwas zögernd antwortet er, er wolle bleiben. Ich entgegne, dass ich ihn verstehen kann und auch so leben will wie die Krahô. Völlig baff fragt er mich, warum. Spontan und ehrlich antworte ich: „Wir Weißen mögen Flugzeuge und Autos besitzen, um zu reisen und die Welt kennenzulernen. Doch dafür müssen wir arbeiten. Viele arbeiten ihr ganzes Leben und können sich noch nicht einmal Reisen leisten. An die elf Monate im Jahr müssen wir wie die Sklaven Land- oder Firmenbesitzern dienen, um einen Monat frei zu sein und das Leben zu genießen. Die Krahô hingegen genießen fast das ganze Jahr ihr Leben und kennen keinen Landbesitz. Außerdem ist es unsere Kultur, welche für die Umweltzerstörung und den Klimawandel verantwortlich ist, und nicht die der Indigenen.“

Später stelle ich mit Bedauern fest, wie ausgerechnet ältere Frauen und Männer der Dorfgemeinschaft versuchen, den wenigen weißen Gästen handgefertigten Schmuck zu verkaufen, um an Geld zu kommen. Ich ahne, dass die indigene Kultur auf Dauer von der brasilianischen aufgesogen wird. Durch das Dorf der Indigenen geht ein Riss. Er ist äußerlich sichtbar durch Kleidung, Strommasten, Wasserversorgung, Müll, Mopeds und Smartphones. Doch auch in den Köpfen der Bewohner ist er spürbar. Durch den hohen Stellenwert technischer Geräte und billiger Grundnahrungsmittel hat Geld die gleiche Bedeutung bekommen wie die Jagd oder der Anbau von Maniok. Das ist insofern bedauerlich, da unsere Kultur nicht das Glück und die Sicherung der Existenz der einzelnen Mitglieder der Gesellschaft zum Ziel hat, sondern die Maximierung des Gewinns einiger Weniger durch Ausbeutung von Menschen und Bodenschätzen sowie die Umdeutung der Menschen zu individuellen Konsumenten, die unnötige Dinge kaufen, um die Leere zu füllen, welche eine größtenteils sinnentleerte Arbeit in ihnen hinterlässt.

Zweites Buch fertig: „Flucht aus Deutschland“

Nach einem Jahr Recherche und fünf Monaten Schreibarbeit ist mein zweites Buch fertig. Die Arbeit daran hat mich, mein Leben und meine Sicht auf die Welt grundlegend und nachhaltig verändert. Man kann es hier als Taschenbuch oder E-Book käuflich erwerben.

Als Science Fiction-Autor interessiert mich die zukünftige Entwicklung der Menschheit, und ich wollte wissen, was in der allernächsten Zeit auf uns zukommt. Gemäß meinen Vorbildern Aldous Huxley und George Orwell habe ich also erst einmal einen Blick in augenblickliche Entwicklungen und in die allerjüngste Geschichte gewagt, um herauszufinden, wie es weitergeht. Ohne Zweifel verändern Informationstechnologien und das Internet unser Leben derzeit in vielerlei Hinsicht. Arbeitsplätze in der Produktion und in der Dienstleistung verschwinden derzeit für immer aufgrund von Automatisierung und der Entwicklung von künstlicher Intelligenz. Das Internet hat die Globalisierung durch internationale Produktionsketten erst richtig beschleunigt. Soziale und alternative Medien über das Internet wachsen zur Konkurrenz für die etablierten Massenmedien heran und können den Ausgang von Wahlen beeinflussen.

Die klassische Science Fiction beschäftigt sich genau damit: Wie verändern Wissenschaft und Technologie unser menschliches Leben? Doch wenn man einmal die Ausgrabungen der antiken Stadt Pompeji besucht oder sich mit römischem Recht beschäftigt hat, wird einem gewahr, dass sich das urbane gesellschaftliche Zusammenleben innerhalb von 2.000 Jahren kaum verändert hat. Wissenschaft und Technik verändern ja auch nicht die Eigenschaften von uns Menschen, sondern die technologischen Errungenschaften nutzen wir hauptsächlich dafür, unsere menschlichen Bedürfnisse zu befriedigen. Mobbing und Hate Speech hat es auch schon vor dem Internet und dem Aufkommen sozialer Netzwerke gegeben. Solange wir Menschen also nicht massenhaft an unserem genetischen Code herumfummeln, werden wir auch in Zukunft so bleiben, wie wir sind – lediglich mit ein paar zusätzlichen mehr oder weniger sinnvollen technischen Gadgets.

Was unsere Welt im Augenblick jedoch massiv verändert, ist unsere Kultur, die unser Leben seit der Sesshaftigkeit vor über 10.000 Jahren bestimmt, und ihre derzeitig besonders hervorstechenden Ausprägungen wie

  1. der Kapitalismus und seine besondere Form des Neoliberalismus, der Befreiung des Kapitalismus von jedweder Regulierung, welche zu einer beschleunigten Umverteilung des Reichtums von der Allgemeinheit in die Hände Weniger führen sowie
  2. die geopolitischen Ziele der Eliten der USA und Westeuropas, die sich im Krieg gegen den Terror sowie im neuen Kalten Krieg gegen Russland und China manifestieren.

Zu 1.) Dass Besitzende mehr Rechte haben als Besitzlose, zieht sich seit der Sesshaftigkeit durch die Menschheitsgeschichte bis in unser Grundgesetz. Dort finden wir das Grundrecht auf Eigentum und Erbe, jedoch nicht ein explizites Grundrecht auf Arbeit oder Sozialhilfe. Massen- und Arbeitsarmut widersprechen demnach nicht dem Grundgesetz, während das Vermögen von Milliardären geschützt ist. Auf dieser Basis operiert der Kapitalismus, der durch die Möglichkeit, auf verliehenes Geld Zinsen zu verlangen, die Umverteilung von Vermögen von Arm nach Reich beschleunigt. Denn die Zinsen der Einen sind die Schulden der Anderen. Gewinne aus Zinsen können nur durch ein konstantes Wirtschaftswachstum, Schulden oder Enteignung befriedigt werden. In einer Gesellschaft mit gleichbleibender Bevölkerung ist ein Wachstum nur durch Rationalisierung, Automatisierung und Lohnzurückhaltung möglich. Genau diese Entwicklung können wir in den Industriestaaten in den letzten 40 Jahren feststellen: steigende Arbeitsarmut bei steigender Produktivität. Doch mit der exponentiell wachsenden Gewinnerwartung aus Zinseszinsen, dem Geschäft der Finanzindustrie, kann auf Dauer kein Wirtschaftswachstum mithalten. Die längst überfällige Implosion der Blase der Finanzindustrie wird derzeit nur durch die Globalisierung und die weltweite, beinahe exponentielle Steigerung der Staatsschulden kompensiert. Seit der Finanzkrise 2008 ist die Anzahl der Dollarmilliardäre weltweit von ca. 1.000 auf ca. 2.200 gewachsen, während im gleichen Zeitraum die Staatsschulden weltweit um ca. ein Viertel gestiegen sind.

Angesichts dieser Zahlen und dem Automatisierungspotential, welches noch in der Entwicklung der Informationstechnologie steckt und das zu weiteren Arbeitsplatzverlusten führen wird, stehen uns in den Industrieländern immense soziale und innenpolitische Konflikte bevor. Wenn man ehrlich ist, dann befinden wir uns schon mittendrin.

Zu 2.) Das Ziel der Außenpolitik eines Imperiums, wie die USA eines sind, war und ist immer die Dominanz der Welt. Da sich die Vereinigten Staaten nicht auf dem ressourcen- und bevölkerungsreichsten Kontinent der Erde befinden, bestand und besteht ihr geostrategisches Ziel darin, eine Supermacht auf dem eurasischen Kontinent zu verhindern. Die Containment-Politik der USA nach dem Zweiten Weltkrieg, also die Eindämmung der Einflussgebiete der Sowjetunion bzw. Russlands und Chinas mit ihren Stellvertreterkriegen in Korea, Vietnam, Kambodscha, Serbien, Afghanistan, Irak, Ukraine und Syrien sind Zeugnis dieser Strategie. Die ideologische Grundlage für die offenen und verdeckten Kriege der USA und ihrer Alliierten war zunächst der Kampf gegen den angeblich gefährlichen, expansionistischen und menschenverachtenden Kommunismus. Nach dem Zerfall der Sowjetunion und der Öffnung Russlands und Chinas für den Kapitalismus löste der Krieg gegen den Terror die ideologische Begründung für die völkerrechtswidrigen Angriffskriege der USA und ihrer Alliierten mit bis zu 30 Millionen zivilen Opfern seit dem Zweiten Weltkrieg ab.

Ich würde gerne über die Expansion der Menschheit ins Weltall, Erleichterungen im Alltag durch neue wissenschaftliche Erkenntnisse und technologische Errungenschaften sowie utopische politische Verhältnissen auf der Erde schreiben. Leider gibt meine Analyse eine derartig positive Entwicklung nicht her. Die Menschheit steht derzeit am Abgrund. Dieser befindet sich durch das exponentielle, also beschleunigte Wachstum von dem Reichtum Weniger und die im gleichen Maße ansteigenden Schulden der großen Masse der Menschen weit näher, als wir denken. Der Grund dafür liegt in unserer Kultur, welche stetiges und durch den Kapitalismus sogar exponentielles Wachstum benötigt, um nicht zu kollabieren. Dem gegenüber steht eine endliche Welt, mit endlichem Raum, endlichen Ressourcen und begrenztem Wachstumspotential. Um diesen Raum und diese Ressourcen tobt eine erbitterte, andauernde militärische Auseinandersetzung, welche seit dem Zweiten Weltkrieg größtenteils von den USA und ihren Alliierten ausgelöst und dominiert wird. Ein Rückgang dieser Entwicklung ist nicht zu erwarten. Derzeit steigen die Ausgaben für Rüstung weltweit. Gepaart mit dem Hunger der Eliten der Welt nach exponentiellen Wachstum ihrer Vermögen ist kein Ende der Ausbeutung von Menschen und Ressourcen, keine Abrüstung und kein Ende des Klimawandels in Sicht, und die Gefahr eines weltweiten Nuklearkriegs steigt weiter an.

Über kurz oder lang werden wir jedoch unsere Kultur auf ein ausgeglichenes Verhältnis mit den gegebenen natürlichen Ressourcen anpassen müssen. Die Frage ist nur, ob dies per Design oder Desaster passiert. Die derzeitige Entwicklung und die zugehörigen Fakten geben keinen Anlass, auf Ersteres zu wetten.

In meiner fiktionalen Geschichte beschreibe ich, wie mein Protagonist, der junge Bauingenieur Chris, sich diese Kenntnisse mit Unterstützung seines neuen Freundes Immanuel aneignet. Dieser Prozess verläuft in seinem etablierten Freundeskreis nicht konfliktfrei, da das Selbstverständnis der westlichen Wertegemeinschaft, welches durch die Leitmedien gezeichnet wird, diesen Erkenntnissen diametral entgegensteht. Schon bald wird er sowohl von seinen Freunden als auch von seiner Lebensgefährtin als verwirrter Verschwörungstheoretiker angesehen, während er die Manipulation und die Propaganda hinter der westlichen Politik und den zugehörigen Leitmedien erkennt.
In die verschiedenen Dialoge der Geschichte sind meine persönlichen Erfahrungen in meinem eigenen Freundes- und Bekanntenkreis während der Zeit der Recherche und der Umsetzung des Buches eingeflossen. Aus meiner Sicht teilt sich unsere Gesellschaft in vier Typen:

  • Die Totalleugner: Sie informieren sich über die Vorgänge in der Welt ausschließlich über ihre Filterblase, die Leitmedien, deren gleichgeschaltete Berichterstattung sie als Bestätigung für die Wahrhaftigkeit der übermittelten Informationen sehen. Sie leugnen pauschal jede Kritik oder abweichende Sichtweise daran und ächten Kritiker als verwirrte Verschwörungstheoretiker. Ihre Lieblingssendungen sind die „heute-show“ und „Extra 3“, wenn sie überhaupt öffentlich-rechtliche Medien konsumieren. Sie stellen die zahlenmäßig größte Gruppe dar (persönliche Erfahrung: ca. 80 %).
  • Die Halbleugner: Sie informieren sich über die Leitmedien, lesen jedoch auch kritische Literatur und beschäftigen sich mit alternativen Medien. Sie schauen sich politische Satire an (Volker Pispers oder „Die Anstalt“) und ahnen, dass die Welt nicht so ist, wie sie von den Leitmedien dargestellt wird, wollen die Wahrheit jedoch nicht wissen. Denn die Wahrheit ist so ungeheuerlich, dass sie ihr positives Bild der westlichen Wertegemeinschaft grundsätzlich in Frage stellen müssten. Sie stellen eine Minderheit dar (persönliche Erfahrung: ca. 20 %).
  • Die Kritiker: Sie besitzen keinen Fernseher mehr oder nutzen das Medium nur gezielt (z.B. für Sportsendungen), lesen kritische Literatur, stellen aufgrund der frei verfügbaren Fakten eigene Recherchen und Überlegungen an und vergleichen die Berichterstattung der Leitmedien mit derjenigen der alternativen, kritischen Medien. Aufgrund der Gefahr der sozialen Ächtung durch die Totalleugner geben sie ihre Meinung in der Öffentlichkeit nur selten preis. Sie stellen eine absolute Minderheit dar (persönliche Erfahrung: zwei Personen im gesamten Freundes- und Bekanntenkreis).
  • Die Aluhutträger: Sie verlassen sich mehr auf Hörensagen als auf Nachrichten und verwechseln – ähnlich wie die Totalleugner – Erkenntnis mit Bekenntnis. Sie benötigen keine Fakten, um ihr Weltbild zu konstruieren, und stellen ihre Wahrheit über diejenige Anderer. Anzeichen für Aluhutträger sind Verfolgungswahn, UFO-Sichtungen oder Glaube an Chemtrails. Totalleugner und Halbleugner sehen Kritiker gerne als Aluhutträger an. Das macht es ihnen leichter, sich nicht mit den Fakten der Kritiker beschäftigen zu müssen. Die Aluhutträger stellen auch eine absolute Minderheit dar (persönliche Erfahrung: zwei Personen im gesamten Freundes- und Bekanntenkreis).

Mein Protagonist Chris, der sich von den Leitmedien abwendet und sich über Fakten und kritische Quellen eine persönliche Meinung bildet, empört sich über die Propaganda und die Manipulation des Mainstreams sowie über die Haltung seiner Freunde, die er noch wenige Monate zuvor geteilt hat. Über Immanuel lernt er jedoch neue Freunde kennen, mit der er auf Augenhöhe kommunizieren kann. Gemeinsam mit diesen versucht er, seine Umwelt wachzurütteln und die Propaganda der Leitmedien zu entlarven.

Um mich in die Situation meiner Charaktere einzudenken, führe ich seit einem halben Jahr selbst einen Blog unter www.goodnews-badnews.org, der die Manipulation der Leitmedien anhand konkreter Beispiele aufdeckt. Was Propaganda in unserer heutigen Welt bedeutet und woran man sie erkennen kann, habe ich weiter unten unter dem Absatz „Die Gedanken sind frei… Wirklich?“ zusammengefasst.

Es wäre naiv zu glauben, dass die etablierten Eliten in Deutschland und der westlichen Wertegemeinschaft, welche von dem bestehenden politischen und wirtschaftlichen System profitieren und über einen immensen Einfluss auf die öffentliche Meinungsbildung und die Politik verfügen, sich von ein paar Alternativmedien im Internet auf Basis von Crowd-Funding die Butter vom Brot nehmen lassen würden. An der Verabschiedung des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes kann man erkennen, wie die alternative Meinungsbildung in sozialen Netzwerken mit privatisierter Zensur unter dem Deckmantel der Hate Speech-Bekämpfung eingegrenzt werden soll.

Daher fällt das Engagement meiner Protagonisten auch einer Erweiterung des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes zum Opfer, und sie müssen als politische Flüchtlinge Deutschland verlassen und sich auf die Suche nach einem Staat machen, der sie aufnimmt und nicht ausliefert.

Mir ist bewusst, dass ich mit dem Thema meines Buches nicht die Erwartungen des Mainstreams bediene. Der Ausgang meiner Arbeit hat sich zudem im Laufe der Recherche verändert. So bin ich an das Thema Verschwörungstheorien rund um 9/11 mit der Zielsetzung herangegangen, den bedenklichen mentalen Zustand meines Protagonisten darzustellen. Ich war überrascht, auf zwei ehrenamtliche Netzwerke von Luftfahrt- und Architekturexperten mit jeweils mehreren tausend Mitgliedern zu stoßen, die sich ernsthaft und wissenschaftlich mit den Ereignissen rund um die Terroranschläge am 11. September 2001 in New York und Washington beschäftigen. Geschockt war ich, als ich feststellen musste, dass diese Experten handfeste Beweise herausgearbeitet haben, die zeigen, dass der offizielle Bericht der US-Regierung zu diesen Anschlägen nicht nur grobe Mängel, sondern auch bewusste Fälschungen aufweist. 9/11 ist der Dreh- und Angelpunkt des Krieges gegen den Terror. Sollte sich der Verdacht, den diese Beweise nahelegen, bestätigen, dass die US-Regierung sowie der Deep State der Vereinigten Staaten an diesem Anschlag beteiligt waren, um vor der amerikanischen Bevölkerung lange im Voraus geplante Steigerungen der Rüstungsausgaben und Angriffskriege auf Afghanistan und den Irak zu rechtfertigen, dann ist unsere Welt und unser westliches Selbstverständnis ganz schön im Arsch.

Ich sehe das Schriftstellertum als Tür zur Wahrhaftigkeit an. Ich gehe daher das Risiko ein, von meiner Umwelt als verwirrter Verschwörungstheoretiker wahrgenommen zu werden, wenn ich auch nur einen einzigen weiteren Menschen davon überzeugen kann, sich von der Propaganda der Leitmedien abzuwenden und sich auf Basis der Fakten eine eigene Meinung zu bilden.

Die Gedanken sind frei… Wirklich?

Bereits in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts haben Psychologen und Soziologen die Grundlagen und Methoden der Propaganda für die erfolgreiche Steuerung der Massen herausgearbeitet. Der österreichisch-stämmige Amerikaner Edward Bernays hat in seinem 1928 erstmalig erschienenem Buch „Propaganda“ den Grundstein für die Disziplin „Public Relations“ gelegt. Wer in modernen Gesellschaften als Politiker, Partei oder Unternehmen erfolgreich sein will, der muss die öffentliche Meinung auf seiner Seite haben. Folglich sind diejenige Politik und dasjenige Unternehmen besonders erfolgreich, welche die öffentliche Meinung am besten beeinflussen können. Bernays unterstützte die amerikanische Regierung dabei, Zustimmung in der Öffentlichkeit für den Eintritt in den Ersten Weltkrieg zu erlangen, und war nach dem Zweiten Weltkrieg im Auftrag der American Tabacco Company dafür verantwortlich, dass Frauen zur Zielgruppe der Zigarettenindustrie wurden. Joseph Goebbels hat seine Veröffentlichungen benutzt, um die antijüdische Propaganda im Dritten Reich aufzubauen.

Während Bernays den Beruf des Public Relation-Beraters noch einem ethischen Kodex unterworfen sah, ähnlich dem Beruf des Mediziners oder Anwalts, hielt der deutschstämmige amerikanische Journalist, Schriftsteller und Medienkritiker Walter Lippmann Propaganda für ein adäquates Mittel der Politik, um die Masse der Menschen, die er als „verwirrte Herde“ bezeichnete, zu steuern. Journalisten sah er als „Gatekeeper“, die entscheiden, welche Informationen der Öffentlichkeit vorenthalten und welche weiterbefördert werden sollten.

Dass die fast 100 Jahre alten, grundlegenden Arbeiten zu Public Relations dieser Herren ähnlich wie die geostrategischen Ziele der Vereinigten Staaten heute einer überwältigenden Mehrheit der Menschen unbekannt sind, muss als größter Erfolg der Propaganda gewertet werden. Wer heute als Otto-Normalbürger die Tagesschau einschaltet oder die Tageszeitung aufschlägt, denkt in der Regel bei den dort übermittelten Informationen nicht an Propaganda. Im Gegenteil, Menschen, die auf die Manipulation durch die Leitmedien hinweisen, werden – gemäß der Propaganda – als Verschwörungstheoretiker abgestempelt. Dieser bedingungslose Glaube an die Leitmedien als unabhängige vierte Macht im Staat zieht sich durch alle Gesellschafts- und Bildungsschichten. Doch was ist Propaganda in unserer heutigen Zeit? Hier einige Beispiele.

Propaganda ist,

  • wenn 70 Prozent der amerikanischen Soldaten, die 2003 in den Krieg gegen den Irak gezogen sind, geglaubt haben, dass Saddam Hussein mitverantwortlich für die Terroranschläge vom 11. September 2001 in New York und Washington war,
  • wenn kaum jemand weiß, dass an jenem Tag, der die Welt veränderte und den die Amerikaner 9/11 nennen, ein drittes 47-stöckiges Hochhaus eingestürzt ist, obwohl es nicht direkt von einem Flugzeug getroffen wurde,
  • wenn Menschen, die noch nicht einmal wussten, dass ein drittes Gebäude an jenem Tag eingestürzt ist, eine Gruppe von über 2.000 Architekten, Bauingenieuren und Physikern (Architects & Engineers for 9/11 Truth) automatisch als verwirrte Verschwörungstheoretiker abstempeln, wenn sie davon erfahren, dass diese Experten die Behauptung der US-Regierung anzweifeln, Feuer sei der Grund für den symmetrischen Kollaps im freien Fall dieses Hochhauses gewesen,
  • wenn die Mehrheit der Bevölkerung davon überzeugt ist, dass der Kreml westliche Politik und Wahlen entscheidend beeinflusst, obwohl es dafür keinen einzigen handfesten Beweis gibt,
  • wenn man glaubt, dass Russland sich derzeit außenpolitisch aggressiv verhält, obwohl die NATO immer weiter Richtung Osten vorrückt und die USA und ihre Alliierten Verbündete Russlands völkerrechtlich illegitim angreifen,
  • wenn die Mehrheit der Deutschen glaubt, sie seien die Guten, obwohl ihr Land Seite an Seite mit den USA Kriegsverbrechen begeht und von deutschem Boden aus über die größte Militärbasis der USA im Ausland in Ramstein die Kriege gegen Afghanistan, den Irak, Libyen und Syrien sowie der Drohnenkrieg im Nahen und Mittleren Osten organisiert werden,
  • wenn islamistisch motivierter Terrorismus in Nordamerika und Westeuropa, der hauptsächlich von Bürgern dieser Länder ausgeht und der nach 9/11 keine 1.000 Menschenleben gefordert hat, als Grund angesehen wird, völkerrechtlich illegitime Angriffskriege mit weit mehr als einer Millionen ziviler Todesopfer in muslimischen Ländern des Nahen und Mittleren Ostens sowie in Nordafrika durchzuführen.

Wahre Macht wird durch die öffentliche Meinung legitimiert. Wer die öffentliche Meinung beherrscht, beherrscht auch die Welt.

Häuser bauen mit Matsch und Zement

Der Traum von den eigenen vier Wänden – wer hat ihn nicht? Doch das Ganze mit dem Material, das man auf dem Grundstück vorfinden, und auch noch mit bloßen Händen? Zumindest in Brasilien geht das, wo Bauvorschriften minimal bis gar nicht vorhanden sind.

Um zu lernen, wie man nachhaltig baut, haben wir einen viertägigen Kurs in Biokonstruktion des Institutes für Permakultur belegt. Der Begriff Permakultur kommt eigentlich aus der Landwirtschaft und beschreibt landwirtschaftlich produktive Ökosysteme, welche die Diversität, Stabilität und Widerstandsfähigkeit von natürlichen Ökosystemen besitzen. Mit dem Ziel, selbstregulierende, permanente Systeme zu schaffen, die höchstens minimaler Eingriffe bedürfen, setzt die Permakultur einen Gegenpol zur industrialisierten Landwirtschaft. Im erweiterten Sinne bezieht sie auch das Zusammenleben von Menschen sowie die Architektur, Stadt- und Landschaftsplanung ein.

In dem Kurs haben wir gelernt, wie man Wände aus Erde, Lehm und Stroh errichtet, wie man Superadobes (mit Erde verfüllte Säcke) verwendet, um Fundamente und Wände zu bauen, wie man Stahlbetondächer mit der Hand fertigt und wie man Sickergruben für Abwasser und Fäkalien konstruiert. An dem Kurs teilgenommen haben auch zwei Indigene aus dem Bundesstaat Tocatins. Das Verrückte in Brasilien ist, dass hier Indigene exotischer sind als Deutsche. Im Gegensatz zu den Andenländern, in denen im Hochland Menschen mit indigener Abstammung in der Überzahl sind, leben sie in Brasilien fast ausschließlich in Reservaten und sind daher im normalen Straßenbild nicht vorhanden. Für mich war es die erste Begegnung mit Indigenen in Brasilien, jedoch nicht die letzte. Wir wurden für August zu einem einwöchigen Fest des Indigenendorfes in Tocatins eingeladen, das etwas 1.200 Kilometer von Brasília entfernt liegt. Die nächste Reise steht also fest.

Schwere Regierungskrise in Brasilien

Nachdem nun auch gegen den De-facto-Präsidenten Michel Temer handfeste Beweise vorliegen, dass er der Bestechung des im Gefängnis sitzenden ehemaligen Präsidenten des Abgeordnetenhauses, Eduardo Cunha, zugestimmt habe, ermittelt der Oberste Gerichtshof Brasiliens gegen ihn wegen des Verdachts auf Bestechlichkeit, Behinderung der Justiz und Bildung einer kriminellen Vereinigung. Näheres siehe hier: https://amerika21.de/2017/05/176629/brasilien-temer-neuwahl-protes.

Michel Temer ist im Volk wegen seiner tiefen Eingriffe in den Sozialstaat im Rahmen seines „Programmes zur Rettung der Wirtschaft“ im Volk extrem unbeliebt. Zuletzt lagen seine Zustimmungswerte in Umfragen bei 9 Prozent.

Heute fanden die bislang größten Demonstrationen gegen den Präsidenten in der Hauptstadt Brasília statt. Bilder dazu befinden sich hier. Gegen die Demonstranten wurde mittlerweile auch das Militär eingesetzt.

Ein wenig beängstigend ist, dass sich Temer der Unterstützung der Militärführung versichert hat. Wird aus dem kalten Putsch des vergangenen Jahres, wie viele Kritiker die Amtsenthebung von Dilma Rousseff nennen, nun ein heißer?

 

Rundreise durch die Chapada dos Veiadeiros und Terra Ronca

Nach den Reisen in den Nordosten Brasiliens, nach Bolivien und ins Pantanal in 2015 und 2016, die eher Rallyes durch Südamerika glichen, haben Sylvia und ich die Vorzüge von Reisen mit kurzen Entfernungen in vergleichsweise vielen Tagen entdeckt. Brasilien und Südamerika sind einfach so unglaublich groß, dass man leicht die Größenverhältnisse unterschätzt.

Unter anderem besuchten wir den wohl schönsten Wasserfall der Chapada dos Veiadeiros, welche sich ca. 300 km nördlich von Brasília befindet. Der Chachoeira Santa Barbara liegt in einem Schutzgebiet, das man nur mit Führer betreten darf. Die Fotos, die wir gemacht haben, spiegeln in keiner Weise die Schönheit der Gegend wieder.

Danach fuhren wir in das Schutzgebiet Terra Ronca, welches sich in der Nähe der Grenze zwischen Goiás und Bahia befindet und mit riesigen Felshöhlen aufwartet. Unterwegs und im Schutzgebiet ging es über viele Erdstraßen, welche den Einsatz unseres Offroad-Fahrzeugs zumindest ein wenig rechtfertigten.

Am Ende kamen wir zu dem Schluss, dass es zuhause in Brasília noch immer am schönsten ist. Die Hitze, die vielen Insekten und die drückende Feuchtigkeit machen den Cerrado nicht unbedingt zum primären Ziel von Campern wie wir.

Wenn man nicht zum Franz gehen kann, muss man selber den Franz machen

Jaja, ich weiß. Eigentlich wollte ich die letzten drei Monate eine ausgedehnte Reise nach Patagonien machen. Der Prozess der Visumsverlängerung für Sylvias und meinen Aufenthalt in Brasilien dauerte jedoch bis Weihnachten. Gleichzeitig kamen wir auf die Idee, innerhalb des Condomínios umzuziehen in ein günstigeres und schöneres Haus, was wir dann auch in der ersten Januarwoche gemacht haben. Und jetzt ist es zu spät, da Patagonien nur im Sommer Sinn macht, wenn man dort campen will.

Stattdessen habe ich weiter an meinem zweiten Buch gearbeitet und – tata – eine Bar eröffnet. Die „Bar do Alemão da Boa Vista do Domingo dos Jogos de Água“, heißt übersetzt soviel wie die „Bar des Deutschen, der guten Aussicht, des Sonntags und der Wasserspiele“. Gestern war Eröffnung dieser sonntäglichen Veranstaltung in unserem neuen Haus. Wir zelebrierten die Synthese aus deutscher Kneipenkultur und den Vorzügen des brasilianischen Klimas zusammen mit Nachbarn und Freunden.

Abschlussprüfung und Siegerehrung

Am letzten Tag wurden wir von Vermelhinho zurück nach Novo Airão gebracht, von wo aus wir mit dem Taxi in zwei Stunden nach Manaus fuhren. Abends aßen wir schlechte Pizza auf dem zentralen Platz vor dem berühmten Teatro Amazonas, das wir am nächsten Tag ausgiebig fotografierten, bevor wir ins Flugzeug nach Brasília stiegen.

Nun stand die Frage an, wer die Prüfung gewonnen hatte. Wer von uns war am besten mit den Bedingungen, der Hitze, der Sonne, dem Essen klargekommen? Das war das Kriterium, welches durch die unabhängige Jury, bestehend aus mir, für die Entscheidung zugrunde gelegt wurde.

Die Fairness der Jury kann man bereits daran erkennen, dass Kriterien wie: Wer konnte am längsten Unterwasser Luft anhalten? Wer war der körperlich Größte? Oder wer hatte einen E-Book-Reader dabei? nicht in die Kriterien aufgenommen wurden.

caboclo-bruder-nazareEva und ich belegten den vorletzten und letzten Platz, da wir uns beide bei dem Kollegen Nazaré mit einer fiesen Grippe angesteckt hatten und jeweils für eine Woche in Brasília das Bett hüten mussten. Dabei gehörte der letzte Platz mir, da bei mir die Krankheit sogar mit fast 39 Grad Fieber verlief.

 

Peter belegte den zweiten Platz, da er gegenüber der Siegerin deutlich mehr mit der heftigen Sonneneinstrahlung zu kämpfen hatte. Somit stand die Siegerin unserer Dschungelprüfung fest. Sylvia ist nicht nur blendend mit den äußeren Widrigkeiten klar gekommen. Sie hat die gesamte Reise auch im Vorfeld professionell organisiert und ist in Stresssituationen immer ruhig und überlegt geblieben. Glückwunsch!

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Bei Vermelhinho zuhaus

Am Morgen des vorletzten Tages unseres Dschungelaufenthalts traten wir den Rückweg in Richtung Zivilisation an. Vorbei ging es an uns mittlerweile bekannten Landschaften, die zur Feier des Tages auch mit dem ein oder anderen fotogenen Tier aufwarteten.

Am Ausgang des Nationalparkes Jaú kamen wir bei den Parkhütern vorbei. Peter schaffte es, einen von ihnen beim Mittagsschlaf abzulichten.

Kurz vor der Abenddämmerung erreichten wir Vermelhinhos Haus, das in der Niedrigwasserzeit ein paar Hundert Meter vom Ufer entfernt mitten im Wald lag. Im Gegensatz zu den beiden Brüdern im Nationalpark, deren Aufenthalt nur toleriert ist, hat Vermelhinho sein Grundstück über das brasilienweite Programm Terra Legal erhalten. Er musste nichts dafür bezahlen, muss es aber bewirtschaften und darf es nicht weiterverkaufen, nur vererben. Damit stellt der Staat sicher, dass mit dem Boden nicht spekuliert wird und die Menschen sich nicht illegal Ländereien aneignen. Da er im Gegensatz zu den tolerierten Caboclos im Nationalpark auf seinem Grundstück bauen und anbauen darf, wie er will, war es auch ein wenig fortschrittlicher ausgestattet. Sogar die elektrische Versorgung steht kurz bevor.

Boa noite e durma bem.